Der Umgang mit ICTs - besonders die ökonomischen Innovationen im Zuge der Aneignung des Internets - läuft für Außenstehende oft in Prozessen ab, die schwer zu verstehen sind. Die weltweite Ratlosigkeit der Unterhaltungsindustrie sowie der Gesetzgeber in Bezug auf Filesharing oder Open-Source-Software zeigt das überdeutlich. Auch der unerwartete Erfolg von Onlinewelten wie „Everquest”, „Dark Ages of Camelot”, „World of Warcraft” oder „Second Life” unterstreicht dies. Hier kann die Ethnologie einen reichhaltigen Beitrag leisten, wenn sie sich darauf einlässt, ihre Theorien aus etablierten Zusammenhängen zu lösen und den Transfer wagt. Die Cyberanthropology zeichnet genau dieses Vorhaben aus.
Dieser Vortrag dreht sich um Gedanken zur Anwendbarkeit der wirtschaftsethnologischen Konzepte Karl Polanyis und Marcel Mauss’ auf den online Kontext. Dazu werden zwei Beispiele vorgestellt. An ihnen soll untersucht werden, wie mit Hilfe der Ideen von Redistribution und Reziprozität sozioökonomische Zusammenhänge identifiziert und verständlich gemacht werden können, zu denen andere Wissenschaften bisher nicht vorgedrungen sind. Onlinewelten stellen als nahezu abgeschlossene Volkswirtschaften ein faszinierendes Feld dar, um reziproke und monetäre Distribution innerhalb kleiner User-Gemeinschaften vergleichend zu untersuchen. Im Kontrast dazu ist Filesharing ein offenes und „globaleres” Phänomen. Auch hier bieten sich viele Ansatzpunkte für eine wirtschaftsethnologische Betrachtung.