Cora Bender: Blood quantum, Straßenschilder, Gerichtsprozesse: die neuen amerikanischen Grenzorte
Im Jahr 1890 wurde die amerikanische Frontier durch das U.S. Census-Büro offiziell für „geschlossen” erklärt, und der Historiker Frederick Jackson Turner sagte auf der Columbian Exposition für das 20. Jh. den Eintritt der amerikanischen Gesellschaft in eine völlig neue Epoche voraus. Seitdem ist die Grenze ein zentraler Topos für die amerikanische kulturelle Selbstbespiegelung. Hier stoßen Wildheit und Zivilisation aufeinander, hier entfalten sich die Mythen und Tragödien, die von Eroberung und Verwilderung, Befriedung und Widerstand gegen die Anpassung handeln. Doch die Grenze ist noch mehr als Mythos. Als Konfliktlinie zwischen den indigenen und den eingewanderten Kulturen Amerikas ist sie weniger aufgehoben als vielmehr verlagert worden. Anhand eines ethnographischen Fallbeispiels aus Wisconsin möchte ich herausarbeiten, dass der Grenzverlauf heutzutage in den Bereichen des Körpers, der visuellen Repräsentation und der Verwaltungsverfahren ausgefochten wird. „Blood quantum”, Straßenschilder und Gerichtsprozesse sind, im Sinne von Marcus’ „multi-sited ethnography”, jene Orte, an denen die Demarkationslinien zwischen Fremdem und Eigenem, zwischen Amerika und seinem marginalisierten Anderen nach verfolgt werden können.