Ein wesentlicher Antrieb analytischer Ethnographie ist die Frage nach dem „Wo” und „Wie Weit” des Feldes. Dieser Suche nach dem „where the action is?” kommt eine zentrale Rolle zur Eröffnung und Erschließung eines kulturellen/praxeologischen Feldes zu. Sie entspricht den räumlichen Suchbewegungen, den Kontaktanbahnungen mit Einheimischen, der phasenweisen Beheimatung der Ethnographin im Feld. Sie findet sich bei so unterschiedlichen Ethnographen wie Geertz oder Goffman. Die Ethnographin kann demnach nicht voraussetzen, wo welche relevanten Daten und Beiträge zu einem Feld anzutreffen sind, wie weit ein Feld mit seinen Normen, Kräften und Soziologiken eigentlich reicht, und wie sich derlei empirisch zeigt. Das Feld ist oftmals versteckt, zerklüftet, dezentriert, uneinheitlich, nur ungenau eingehegt, etc.
Die gängige analytisch-ethnographische Suche nach dem Wo des Feldes, sollte durch eine zweite, eher wenig gebräuchliche Suchbewegung ergänzt werden. Gefragt werden sollte ebenso, nach dem „Wann” und dem „Wie lange” des Feldes. Was ist damit gemeint? Die kulturelle Praxis mit seinen Kämpfen, Verrichtungen, Aushandlungen und Kooperationen ist nicht per se ein beständiger, permanenter Fluss. Sie pulsiert, entfaltet sich diachron und synchron, sprich, sie hat ihre Zeiten, Phasen und Höhepunkte. Ein ‚extremes’ Beispiel für die zeitliche An- und Abwesenheit eines Feldes bietet Marcel Mauss’ Studie zu den Eskimos und ihrem Leben in einem zweigeteilten Kalender. Die eine Zeit beherbergt die Eskimo-Kultur der ansässigen Bauern, die andere Zeit beherbergt die Eskimo-Kultur der Nomaden. Ohne einen Begriff vom Wann des Feldes, würde die Ethnographie ein homogenisiertes Bild der Eskimo-Kultur zeichnen.
In unserer vergleichenden Ethnographie verwenden wir nun nicht ein strukturelles Verständnis kultureller Zeit. Wir fragen stattdessen, in welchen Temporalisierungen sich verschiedene Rechts- bzw. Strafverfahren entfalten. Grundlegend für das Zeitverständnis von Verfahren ist die praktische Realisierung von Bindungen/Entbindungen (zur Vergangenheit), von Einsätze/Fehlschlägen (hier und jetzt), sowie von (multiplen) Positionierungen (in die Zukunft). Diese drei Orientierungen werden auf zwei zeitlichen Ebenen vollzogen: auf der Ebene von relativ eingehegten, selbstbezogenen Ereignissen; auf der Ebene von relativ eingehegten, selbstbezogenen Prozessen. Beide Ebenen verweisen aufeinander, definieren einander und treiben einander voran. Beide Ebenen erlauben es der Ethnographie, Kultur unter ‚Wettkampfbedingungen’ zu beobachten, bzw. zumindest zu erahnen, was es heißt, einer kulturellen Praxis tatsächlich ausgesetzt zu sein.
Vor diesem Hintergrund bekommt die Frage nach dem Wann des Feldes seine empirische Prägnanz. Das Feld findet nicht nur an verschiedenen Orten statt, sondern auch in verschiedenen Zeiten. Es wird in verschiedenen Rhythmen und in verschiedenen sequentiellen Bezügen entfaltet. Diese Entfaltung in synchronen und diachronen Zügen ruft trans-sequentielle Methoden auf den Plan, die allerdings in der Soziologie und der Anthropologie wenig entwickelt sind. Es steht fest: mittels ihrer multi-temporalen Verfasstheit schaffen Verfahren eigene Teilnehmerschaften, Orientierungsprobleme und Machtpotentiale. Sie sorgen für eine Doppelbödigkeit, für Fallstricke, vermittels derer sich die Teilnehmer regelmäßig ‚verirren’ oder zu ‚verraten’ drohen.