Im Zentrum des Ansatzes steht die Analyse der Entwicklungszusammenarbeit als komplexe bürokratische Struktur und Organisation. Der Blick auf das Verhältnis zwischen der formellen (bürokratisch) und informellen (moralökonomischen) Dimension von komplexen Institutionen sollte hier ein besonderer Schwerpunkt sein. [1] Außerdem soll das Verhältnis zwischen Entwicklungsbürokratien und nicht bürokratischen Formen der Organisation untersucht werden. Im Gegensatz zur These von der Inkompatibilität des bürokratischen Organisationsmodells mit den soziokulturellen Gegebenheiten in Ländern der ‚Dritten Welt’ [2], folgt die hier vorgeschlagenen Forschungsrichtung dem Leitsatz, dass die produktive Organisation von Heterogenität alle Gesellschaften vor ähnliche Herausforderungen stellt. Ein solcher Forschungsschwerpunkt ist nicht auf das Feld der Entwicklungszusammenarbeit beschränkt. Im Gegenteil bietet sich eine Ausweitung der Arbeit auf inter- und transnational agierende Unternehmen an. Die folgenden Fragestellungen könnten als Eckpunkte dieses Forschungsfeldes fungieren:
- Grundlegende Untersuchungen über die „informelle” Dimension (Akteure, Strukturen, Funktionen, Prozesse) innerhalb komplexer (bürokratischer) Organisationen.
- Politikethnologische Analysen (informeller) Netzwerke und (strategischer) Gruppen innerhalb komplexer bürokratischer Organisationen mit besonderer Berücksichtigung a) ihrer moralökonomischen Funktion b) ihrer Rolle bei der Kontrolle, Verteilung und Verwendung von Ressourcen und der Organisation arbeitsteiliger Prozesse.
- Untersuchungen über die formelle und gabenökonomische Produktion von Wissen in komplexen Organisationen.
- Untersuchungen über die Paradigmen „Einbettung” und „Moralökonomie” als Möglichkeiten einer ethischen Unternehmensführung und als Leitlinien des gesellschaftlichen Handelns von Unternehmen.
- Analysen über das Verhältnis zwischen komplexen (bürokratischen) Organisationen und anderen Formen und Verständnissen der sozialen, politischen und ökonomischen Organisation.
Der letzte Punkt bezieht sich auf die Untersuchung der Verflechtung der Entwicklungshilfe mit nicht staatlichen Akteuren, die in ihrer Wirkung nicht nur die Legitimität staatlicher Herrschaft aushöhlen, sondern unter Umständen auch eine „parasouveräne Entwicklungsherrschaft” errichten können [3]. Die begrifflichen Grundlagen für diesen Ansatz sind in den Beiträgen von Trutz v. Trotha und Georg Klute gelegt. Auch hier scheint eine Ausweitung des Fokusses auf die Rolle transnationaler Unternehmungen interessant.
Folgende Fragen könnten fruchtbar sein:
- wie gestalten Projekte und Programme der EZ das Verhältnis zur Zentralregierung und -verwaltung und zu den Adressaten ihrer Interventionen („Zielgruppen”)?
- Wie verlaufen Prozesse der Verflechtung zwischen EZ und lokaler bzw. informeller Macht?
- Wann können wir von einer „parastaatlichen Entwicklungsherrschaft‘ sprechen?
- Ist die parastaatliche Entwicklungsherrschaft Teil einer parastaatlichen Transformation postkolonialer Staaten?
[1] Vgl. Hüsken 2006
[2] Vgl. Rottenburg 1994 und 2004
[3] Klute / v. Trotha 1999