Bildwissenschaftler und Historiker stellten bereits fest, dass Texte auch Bilder sind (Sybille Krämer) und die Tatsache von „Bildern im Kopf” (Kittsteiner) den so genannten iconic turn sowieso fragwürdig macht. Mit der zunehmenden globalen Bedeutung der Digitalisierung von Bildern im letzten Jahrzehnt gibt es, wenn man so will, einen neuen turn: die digitale Wende des Bildlichen, welcher für die Visuelle Anthropologie, wie ich meine, eine viel größere Bedeutung hat als der ursprünglich von Gottfried Boehm, Mitchell und anderen Anfang der 1990er Jahre thematisierte iconic oder pictorial turn, bei dem Phänomene der Digitalisierung und globalen Verbreitung von Bildern anfangs nur am Rande thematisiert wurden.
Es findet bisher innerhalb der Ethnologie nur zögerlich eine systematische Untersuchung der Übertragung von gesellschaftsrelevanten Inhalten von klassischen Medien wie oraler Mythologie, Text und Zeichnung usw. in digitale Medien statt. Der Vortrag will insbesondere dieser Frage der Übertragung und Vermittlung nachgehen: Wie werden Inhalte von einem Medium in ein anderes übertragen? Was geht dabei verloren, was wird bewusst weggelassen; was wird ergänzt, transformiert und angepasst? Wer sind die (Co-) Produzenten, die Botschafter, was die Botschaften, welcher „Spur” (Sybille Krämer) folgen digitale Bilder? Wer ist aktiver Gebraucher (Michel de Certeau), wer nutzt wo und wozu welche „global mediascapes” (Appadurai)? Kann uns die digitale Bildmontage einen Einblick in die Möglichkeit des Umkehrens, des Neu-Zusammen-Setzens von Geschichten, die Symbolkraft für Gesellschaften haben, geben? Was passiert, wenn Narrationen und Mythologien ihrem räumlich und kulturell eng begrenzten Kontext entrissen, digital verbildlicht und vertont via Internet global zugänglich gemacht werden? Wie lassen sich diese translokalen Digitalisierungsprozesse ethnologisch erforschen und was bedeuten „empirische Forschungen” zu diesem Themenbereich für die Theoriebildung der Ethnologie und Visuellen Anthropologie?