DGV Tagung 2007

Thomas Reinhardt: Ordnungen der Sichtbarkeit und Authentizität der Simulakra: Anmerkungen zu einer Bildtheorie jenseits der fotografischen Referentialität

Bildliche Darstellungen des islamischen Heiligen Cheikh Ahmadou Bamba sind in Teilen des Senegal nahezu omnipräsent und werden in einer Vielzahl von Medien realisiert (Glas- und Wandmalereien, Skulpturen, Bildschirmschoner, Handydisplays, etc.). Fast alle Darstellungen des Cheikh gehen zurück auf eine Fotografie von etwa 1917, deren Negativ als verloren gilt und deren genaue Umstände im Dunkeln liegen - auf eine Fotografie also, die die Spuren ihrer Entstehung gleichsam getilgt zu haben scheint. Lokale Interpretationen messen dem Foto denn auch eine Bedeutung zu, die weit über den bloß indexikalischen Verweischarakter der (vordigitalen) Fotografie hinausweist und im markanten Spiel von Licht und Schatten ein direktes Eingreifen Gottes erkennen will. Die zugehörige Bildtheorie ist entsprechend stark theologisch aufgeladen, und weist zahlreiche Parallelen zur christlichen Auffassung vom „wahren Bild” (Acheiropoieton) auf. Die vermeintlich unauflösliche Differenz zwischen einem fotographischen Gegenstand und seinem Abbild geht dabei in einer neuen Einheit auf. Das Foto des Cheikh ist also nicht lediglich eikon, sondern eine vollständige Verdopplung seines „Originals”, eine Kopie, die sich nicht auf den Bereich des Sichtbaren beschränkt, sondern auch die verborgenen oder unsichtbaren Eigenheiten des Originals reproduziert.

Workshop:

18 | Blinde Flecken - Weite Felder. Der iconic turn als Herausforderung visuell-anthropologischer Forschung?

Termin:

Dienstag, 02.10.2007, 14:00-18:00 Uhr

Ort:

Melanchthonianum, Hörsaal B