Neben den ikonologischen und medien-historisch arbeitenden Bilddiskursen entwickelt sich eine kultursoziologische Bildwissenschaft, die die Wechselwirkungen zwischen Medium, Bild und Körper in den Mittelpunkt stellt (Taussig 1997, 1999, Morphy 1993, 1998, Belting 1990, 2001, MacDougall 1998, 2006). Jedoch trifft man kaum auf Forschungsprojekte, die die Möglichkeiten der neuen Bildgebungsverfahren auch gestalten und anwenden. Aus diesem Grunde soll folgendes Projekt einer virtuellen Tanzrekonstruktion vorgestellt werden, das hinsichtlich der Zugangsformen zu ethnographischen Daten und Objekten ein Neuland betreten will.
Als Referenz zu den Pionierarbeiten der britisch-australischen Anthropologen Spencer und Gillen am Übergang von fotografischer zu filmischer Repräsentation sollen 35 Fotografien und 6 Filmsequenzen des Tjitingalla Corroborees, eines 1901 aufgenommenen und heute in Vergessenheit geratenen Tanzes der zentralaustralischen Arrernte, in ein flexibles computergesteuertes Drahtgittermodell integriert werden. Die choreographischen Fragen, die aufgrund der lückenhaften Abfolge der Bilder entstehen, werden dann in einem zweiten Anlauf durch habituelle Bewegungsmuster der Nachfahren der abgebildeten Tänzer, den heute lebenden Arrernte, abgeglichen und komplettiert. Dieser Vorgang soll mit Hilfe von Bewegung analysierenden Systemen, die direkt am Körper ansetzen, realisiert werden. Die Rekonstruktion des Tanzes entscheidet sich dann nicht mehr an der ‚autoriellen‘ Verfasstheit eines Textes, sondern an der Performanz eines diskursiv erzeugten Ereignisses, oder, wie Schechner (1993) schreibt, an der „fortschreitende(n) Begegnung von Imagination und Erinnerung”, die kontrolliert “in machbare Handlungen des Körpers” übersetzt wird.
Das Risiko, mit dem Modell einer virtuellen Tanzrekonstruktion eine „Ersatzwirklichkeit” zu schaffen, wird bewusst eingegangen. Denn die vermeintliche Flucht aus dem Körper wird hier als seine Entgrenzung und „Ent-führung” im Sinne Schechners (1990:10) verstanden und als ein archetypischer Ausdruck des bildhaft-symbolischen Umgangs mit demselben: Die Nachfahren der Tänzer bieten ihre Körper den abwesenden bildlichen ihrer Vorfahren an, um in einer Situation gemischter (virtueller) Realitäten mit ihnen eins zu werden. Das auf diese Weise synthetisierte Modell kann dann wiederum Daten liefern für neue, bildgesteuerte Wahrnehmungs- und Habitualisierungsmuster in Folgeuntersuchungen (z.B. interkulturelle Museumsdidaktik).