Die Rückkehr der Religion als zentraler Faktor des öffentlichen Lebens wird seit einigen Jahren v.a. im Kontext des gewaltbereiten Islam diskutiert, der als radikale Kritik an einer westlich definierten Moderne auftritt. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch, dass diese religiös motivierte Kritik weder auf den Islam zu begrenzen ist, noch auch notwendig dogmatische oder gar gewaltbereite Formen der Religiosität impliziert, wie es dem modernen Gegensatzschema von reflexiver Aufklärung und dogmatischer Religion entspräche.
Diesem vertrauten Denkmodell soll hier die aktuelle balinesische Ritualpraxis als eine in zentralen Punkten abweichende Form der religiösen Revitalisierung gegenüber gestellt werden: Auch auf Bali lässt sich derzeit eine religiöse Revitalisierung erkennen, die sich kritisch mit zentralen Problemen der Modernisierung auseinandersetzt, diese führt aber nicht zur Ausbildung einer rigiden antimodernen Dogmatik, sondern u.a. zu einer immer aufwändiger und prachtvoller inszenierten Ritualpraxis. Diese ist aus der Sicht der balinesischen Akteure notwendig, um die - durch Tsunamis, Erdbeben, Klimaveränderung aber auch religiösen Terror bedrohte - Weltordnung zu erhalten. Das bedeutet: die Revitalisierung lokaler Rituale kann hier nicht als starre Repetition vormoderner Traditionen begriffen werden, sondern eher als eine kritische und reflexive Auseinandersetzung mit den - als bedrohlich erfahrenen - Einflüssen globaler Modernisierung.