DGV Tagung 2007

Alex Koensler: Ein Hauch von Babel. Ethnographisches Patchwork: Aktivisten, NGO’s und Journalisten um ein mehrfach abgerissenes Beduinendorf im israelischen Negev

Im israelischen Negev brennen Spannungen zwischen einem Teil der arabischen Beduinenbevölkerung und dem Staat, in dessen Zentrum Zivil- und Landrechte stehen. Das führt nicht nur zu Phänomenen wie dem gelegentlichen Abriss nicht genehmigter Bauten, sondern vor allem zu einer polarisierenden Rhetorik aus gegenseitigen Bedrohungsszenarien.

Hier möchte ich die Fallstudie eines so genannten “nicht anerkannten” Beduinendorfes im Negev vorstellen, das im Laufe meiner einjährigen Feldforschung insgesamt sieben mal von der Polizei abgerissen worden ist, aber stets wieder aufgebaut wurde. Dieser Ort ist auch Bühne einer Vielzahl von Menschenrechts-Aktivitäten geworden, die von Olivenbaumpflanzaktionen bis zur Aufführung eines Hausfrauen-Puppentheaters reichten. In einer multilokalen Perspektive lassen sich die verschiedenen zirkulierenden Flüsse von Menschen, Diskursen und Ressourcen verfolgen, die mit diesem Ort zusammenhängen. Besuchergruppen reisen in Bussen an, Gelder für Aktivitäten werden in Büros in Tel Aviv und London verteilt, Journalisten und Internet-Blogger schreiben für ein weit entfernt situiertes Publikum.

Aus dieser methodologischen Perspektive stellt sich das Dorf als eine Projektionsfläche aktueller translokaler (Konflikt-)Diskurse dar. Um diese Grenzüberschreitungen zu verfolgen, habe ich systematisch versucht, mit den Ereignissen im Dorf in Verbindung stehende Aktivisten, Journalisten und Geldgeber in ihrem Kontext aufzusuchen: auf Journalistenparties, in ihren Büros etc. So ist ein ethnographisches “Patchwork” (Anna L. Tsing) entstanden, in dem sich die verschiedenen Interpretationen desselben Ereignisses spiegeln.

Diese Vielfalt der sich oft gegenseitig ausschließenden Wirklichkeitsproduktionen zeigt sich aber auch in der - für eilige Journalisten - schwer erkennbaren Tatsache, dass die Bewohner des abgerissenen Dorfes nur vorgeben, dort zu wohnen. Wie beim Turmbau zu Babel enthüllen sich so systematische Missverständnisse und zerbrechliche transkulturelle Allianzen.

In diesem Beitrag möchte ich die Ereignisse der soeben abgeschlossenen Feldforschung unter die Lupe nehmen und multilokale methodologische Implikationen mit dem Publikum diskutieren.

Workshop:

14 | Grenzüberschreitungen – die Implikationen der multi-sited ethnography für die Ethnologie und ihre Gegenstände

Termin:

Dienstag, 02.10.2007, 14:00-18:00 Uhr

Ort:

Melanchthonianum, Hörsaal D