Aus der genetische Erkenntnistheorie von Jean Piaget und der Tatsache, dass der Mensch ein Säugetier ist, werden zwei Gegensatzpaare hergeleitet: dualistisch – nicht dualistisch sowie indirekte Bedürfnisbefriedigung (Seelenkonzept) – direkte Bedürfnisbefriedigung (Ablehnung des Seelenkonzeptes). Aus den beiden Gegensatzpaaren wird eine Landkarte der vier potentiellen menschlichen Denkformen bzw. Kulturformen aufgespannt. Den vier Feldern können als Beispiele die Phänomene Schamanismus, christliches Mittelalter, Wissenschaft, Buddhismus zugeordnet werden. Dem klassischen Erklärungswerkzeug für Entwicklungsprozesse „Evolution“ wird ein zweites unabhängiges Erklärungswerkzeug mit einer anderen Funktionsweise zur Seite gestellt.
Ein Ziel dieses Ansatzes ist eine theoretische Alternative zum eurozentrischen Intelligenzbegriff Piagets, die mit den empirischen Befunden der kulturvergleichenden Piagetforschung kompatibel ist. In Übereinstimmung mit der postmodernen Kulturanthropologie fordert dieser Ansatz die Anerkennung der Heterogenität aller Kulturen. Nachhaltige kulturelle Strömungen („Homogene Kulturen“) werden in Fortführung von Ansätzen bei Christina Toren als erfolgreiche soziale Reproduktion der Mitglieder dieser kulturellen Strömungen (Vygotsky) aufgefasst. Ein Schwerpunkt der Präsentation sind Forschungsfragen, die sich aus diesem Ansatz ergeben.
Das vorgestellte Modell wurde erstmals 1993 in der Zeitschrift „Evolution & Cognition“ publiziert und seither grundlegend überarbeitet. Die Weiterentwicklung des Modells wurde vom Internationalen Forschungszentrum für Kulturwissenschaften (Wien) mit einem Fellowship zur Untersuchung der Piaget-Vygotsky-Debatte unterstützt.