DGV Tagung 2007

Birgitt Röttger-Rössler: Ethnologie und Neurowissenschaft: Ein sinnvoller Dialog?

Innerhalb der letzten Jahre sind die Neurowissenschaften zunehmend in den Mittelpunkt des akademischen sowie allgemeinen Interesses gerückt. Der Grund hierfür liegt darin, dass die Neurowissenschaften beanspruchen, die neuronalen Grundlagen des menschlichen Denkens und Fühlens, des Bewusstseins und Gedächtnisses, des Willens und des Selbst, der Sprache, Musikalität und Ästhetik, ja selbst der Religiosität in zunehmendem Masse entschlüsseln zu können. Sie dringen damit in Wissensbereiche vor, die teilweise zum Hoheitsgebiet der Geistes- und Kulturwissenschaften gehörten. In Reaktion auf diese Expansion des neurowissenschaftlichen Erklärungsanspruches ziehen sich etliche Geisteswissenschaftler hinter ihre Fachgrenzen zurück bzw. zeigen ein deutliches Revierverteidigungsverhalten, einige suchen aber auch den Dialog und versuchen Erkenntnisse der Neurowissenschaften für ihre Disziplinen fruchtbar zu machen. So sind auch in der deutschen Wissenschaftslandschaft in vergangenen Jahren verschiedene, teilweise sehr erfolgreiche Forschungskooperationen zwischen kultur- und sozialwissenschaftlichen Fächer wie z.B. die Philosophie, Linguistik, Musik- und Kunstwissenschaft, Pädagogik, Sozialpsychologie etc. und den Neurowissenschaften entstanden. Die Ethnologie sucht man jedoch in diesem Reigen nahezu vergeblich. Lediglich im Bereich der Emotionsforschung ist 2004/05 am Zentrum für interdisziplinäre Forschung der Universität Bielefeld durch den Hirnforscher Hans Markowitsch und mich ein Projekt realisiert worden, in dem Ethnologen und Neurowissenschaftler kooperierten.

In dem Vortrag sollen - nicht zuletzt vor dem Hintergrund der hier gesammelten Erfahrungen - einige Forschungsbereiche vorgestellt werden, in denen eine ethnologisch-neurowissenschaftliche Zusammenarbeit für beide Seiten bereichernd und Erkenntnis bringend sein kann. Es sollen aber ebenso die Grenzen der Dialogmöglichkeiten zwischen diesen so unterschiedlichen Fachrichtungen ausgelotet werden. Das übergreifende Ziel liegt darin, für eine stärkere Hinwendung der Ethnologie zu anthropologischen Grundfragen zu plädieren. Im Sinne einer Streitfrage soll der Vorwurf erhoben werden, dass sich unsere Disziplin - zumindest in Deutschland - zu sehr hinter ihren Fachgrenzen verschanzt und damit wichtige Chancen verspielt, zu fachübergreifenden Fragen der conditio humana beizutragen.

Workshop:

13 | Kognitive Ethnologie – quo vadis?

Termin:

Mittwoch, 03.10.2007, 14:00-18:00 Uhr

Ort:

Melanchthonianum, Hörsaal XIX