Michael Dickhardt: Schau nur, und also wirst du dich ändern! Zur Pragmatik der Moral diesseits von „Gut und Böse“
Bei meinen Studien zum Bereich des Moralischen in Ozeanien und dessen Wandel durch Kolonialisierung, Missionierung und Staatenbildung erwies es sich als wichtig, nicht nur einzelne Werte und Normen zu untersuchen, sondern auch die moralischen Strukturen überhaupt. Begriffliche Grundlage bildet hierbei ein kulturanthropologischer Begriff des Moralischen. Aus Gründen der heutigen Aktualität und ethnographischen Präsenz des „Bösen” sowie aus epistemologischen und gegenstandstheoretischen Überlegungen heraus erwies sich zudem das Problem des Bösen als sinnvoller Schwerpunkt. Auf diesen Grundlagen können die Grundzüge des Moralischen unter den Qaqet umrissen werden, indem transzendente Sphären benannt werden, die die Verankerung des Moralischen unter den Qaqet bedingen (1. Die lokale Spiritualität und ein Korpus von Heldengeschichten. 2. Ein kollektivistisches Verständnis moralischer Verantwortlichkeit bei gleichzeitiger Akzeptanz eines hohen Maßes an Individualität. 3. Das (katholische) Christentum. 4. Die Integration in die Strukturen des Nationalstaates und seiner monetären Ökonomie.), und indem grundlegende charakteristische Werte und Haltungen der moralischen Praxis unter den Qaqet herausgearbeitet werden (z.B. Arbeit, Scham, Respekt, Demut und Bescheidenheit). Diese Grundzüge des Moralischen werden im Rahmen einer Pragmatik der Moral artikuliert, also der Verwendung moralischer Normen, Werte, Urteile und Handlungsanleitungen in verschiedenen Handlungskontexten. Am Beispiel eines der Zauberei beschuldigten Mannes soll dies kurz erläutert werden.