Thorolf Lipp: Das Turmspringen der Sa in Vanuatu: Ritual, Spiel oder Spektakel?
Das Turmspringen auf der Insel Pentecost in Vanuatu ist ein „soziales Drama”. Aber um welche Art der „Aufführung” handelt es sich hier: Ritual, Spiel, Spektakel, Fest oder Festival? Die Frage ist berechtigt, da die neuere Ritualdiskussion mitunter mehr Verwirrung gestiftet als Klarheit gebracht hat. Wenn jüngere Ansätze gezeigt haben, dass performative Aspekte für das „Gelingen” von Ritualen bedeutsam sind, ist dem nichts entgegenzusetzen. Sieht man das Ritual jedoch nicht mehr als lesbares Zeichen, sondern stellt seine performativen bzw. ludischen Aspekte in den Vordergrund, verliert es in der Konsequenz an Bedeutung bezüglich seiner Handlungslegitimation. Es kann daher m.E. nicht darum gehen, die zweifellos bedeutsamen performativen Elemente von Ritualen gegen deren symbolische Rückbezüge auszuspielen. Dann besteht die Gefahr, dass die Grenzen zwischen dem Ritual und anderen Formen des sozialen Dramas so stark ineinander übergehen, dass man am Ende begriffliches Terrain verliert. Ich plädiere dafür, zwischen Ritual einerseits und den vielen anderen Formen der kulturellen Performanz andererseits, zu unterscheiden und dem Ritual seine Dimension als bewusst ausagierte „Handlungsform des Symbols” zu belassen. Das Turmspringen erscheint dann, vor dieser Folie, nicht als Ritual, sondern muss als „riskantes Spektakel” aufgefasst werden.