Jens Kreinath: Ästhetik ritueller Performanzen: Indexikalität, Verkörperung und die Transformation sozialer Beziehungen
In den letzten Jahren ist der Begriff der Performanz in seiner Reichweite für den ethnologischen Zugang zur Erforschung von Ritualen mehrfach diskutiert worden. Der in verschiedenen Ritualtheorien favorisierte ‘performative Ansatz zum Ritual’ ist dabei insbesondere aufgrund seines impliziten oder expliziten Bezugs auf theaterwissenschaftliche Begriffe problematisch geworden. Zentrale Kritikpunkte sind vor allem die im Theatermodell enthaltenen Implikationen einer Bühne und der damit gegebenen Rollenzuschreibungen von Akteuren und Zuschauern. Problematisch ist unter Voraussetzung eines solchen Modells auch, dass rituelle Performanzen als Theateraufführungen interpretiert und kaum mehr im Sinne ihrer Wirksamkeit und Transformationsprozesse verstanden werden. Unter Bezugnahme auf diese Kritik und in Rückgriff auf die von Alfred Gell in Art and Agency entwickelte anthropologische Theorie der Kunst soll der Versuch unternommen werden, analytische Begriffe für eine Ästhetik ritueller Performanzen zu entwickeln. Anhand der empirischen Forschungen zu den Besessenheitsritualen der Hauka sollen die Begriffe der Indexikalität und Verkörperung entwickelt und in ihrer ritualtheoretischen Reichweite diskutiert werden. Der Schlüssel für einen spezifisch ethnologischen Zugang zur Analyse von Ritualen wird dabei in der Analyse der Transformation sozialer Beziehungen gesehen. Mittels dieser begrifflichen und analytischen Konstellation soll nicht nur ein Beitrag zu einer möglichen Ritualästhetik geleistet, sondern auch deren theoretischen Potentiale für eine Theaterethnologie fruchtbar gemacht werden.