Gezielt migrieren venezolanische transformistas nach Europa, um in der Nische der Transgender-Prostitution zu schnellem Geld zu gelangen. Sie sind männlich geborene Homosexuelle, die in weiblicher Gender-Rolle leben und ihren Körper mit Hilfe plastischer Chirurgie, mit Hormonen und kosmetischen Behandlungen weiblich formen, ohne jedoch eine Geschlechtsumwandlung zu realisieren. Die von ihnen verkörperte Hyper-Weiblichkeit soll heterosexuelle Männer anziehen. Als Arbeitsmigrantinnen im Sex-Gewerbe bewegen sich transformistas hochmobil auch innerhalb Europas.
Weder Mann noch Frau, weder hier noch dort, ohne geregelten Aufenthaltsstatus und in der Nachtwelt der Prostitution arbeitend, leben transformistas in einem Zustand faktisch multipler Liminalität. Werden sie doch einmal strukturell sichtbar, so fallen sie meist in eine jener Teil-Kategorien, die ihre multiple Liminalität charakterisieren, bleiben in ihrem spezifischen Dasein jedoch unerkannt. Den einzig beständigen Kontakt zur Mehrheitsbevölkerung bilden die männlichen Kunden, die jedoch ihre Besuche bei Prostituierten - mehr noch, da es sich um Transgender-Prostituierte handelt - verschweigen.
Aussagekräftig bezüglich des Verhältnisses der Mehrheit zur Minderheit der venezolanischen transformista-Prostituierten sind also gerade ihre Unsichtbarkeit und vermeintliche Nicht-Existenz. Weitere Aspekte vermag die umgekehrte, emische Perspektive der transformistas auf die Mehrheitsgesellschaft aufzudecken, kann sie doch methodisch als (Zerr-)Spiegel dienen.