Die historische Forschung über die Verfolgung der Zigeuner in Mitteleuropa weist darauf hin, dass im Zuge der zuweilen gewaltvollen nation-state Dynamiken die Zigeunergruppen meist in kleinen Familienverbänden aufgegriffen, abgeschoben, bestraft, verfolgt, erzogen oder beschützt wurden. Der Beitrag wird folgenden Fragen nachgehen: Können wir in der Sozialen Anthropologie mögliche Rückschlüsse zwischen historischem Kontext und gegenwärtigen kohäsiven Strukturen der Manus und Sinti ziehen? Gerade im Kontext der Forschung zu Sinti und Manus in Mitteleuropa werden Konzepte der „Unsichtbarkeit”, des „Schweigens”, des „Nichtsprechens” verwendet (vgl. Williams 1993, Tauber 2006). Ist es sinnvoll, hier nachzufragen, ob diese ethnographisch beobachteten Momente Schlüsse auf historische Erfahrungen der Gruppen zulassen? Und weiter, welche Überlegungen können in einem historisch-ethnographischen Spannungsfeld über den Zusammenhang zwischen der kohäsiven Struktur der einzelnen Zigeunergruppen in Mitteleuropa und ihrem kollektiven Gedächtnis, das von Ausgrenzung und Verfolgung aber auch von der positiven Beziehung mit einzelnen Aristokraten und Bauern spricht, angestellt werden? Welche Rolle spielt die Erinnerung und das „Nichtsprechen” der Manus und Sinti in diesem Zusammenhang?
Williams, Patrick 1993 Nous, on n’en parle pas. Les vivants et les morts chez les Manouches. Paris.
Tauber, Elisabeth 2006 Du wirst keinen Ehemann nehmen! Respekt, Bedeutung der Toten und Fluchtheirat bei den Sinti Estraixaria. Münster, Berlin.