Wolbert Smidt: Verwandtschaft und Freundschaft in der Rhetorik der Einheit der Tigrayer
Während einer Feldforschung 2004-06 in Tigray (Nordäthiopien) habe ich mich mit der Knüpfung von Netzwerken, der Etablierung von Freundschaft und von “gefühlter” Verwandtschaft im Alltag und in der Politik beschäftigt. Kleine wie größere Freundschafts-Netzwerke benutzen v.a. das Vokabular der Verwandtschaftbezeichnungen, abgeleitet von den alten Verwandtschaftsgemeinschaften auf Dorfebene. Sie sind also gewissermaßen fiktive Verwandtschaftsnetzwerke. Dieses Vokabular findet sich auch in der modernen politischen Rhetorik über die “Einheit der Tigrayer” wieder. Mit Hilfe dieser Rhetorik wird die Unterstützung für die politische Dominanz der tigrayischen Regierungspartei über den Rest Äthiopiens und im Krieg gegen Nachbarn gesichert und gleichzeitig ein hoher Grad von Stabilität innerhalb Tigrays erreicht. Dieser sehr inklusive Ansatz, der sich auf der Dorfebene wie auch auf höheren politischen Ebenen findet, hat zur Folge, dass verpflichtende Bindungen untereinander eng sind; Interessendifferenzen sind innerhalb dieser Netzwerke zu klären - unter Berücksichtigung der gegenseitigen Bindungen. Dies macht flache Hierarchien und starke Kooperation möglich. Andererseits führt es zu starken Exklusionsbestrebungen gegenüber jenen, die sich den Regeln dieser Netzwerke nicht unterwerfen.