Unter Hinweis auf die besondere Bindungskraft und Verpflichtung verwandtschaftlicher Beziehungen werden im politischen Diskurs seit einiger Zeit zunehmend Ansätze einer „Rückverlagerung” von gegenseitiger Verantwortung in die Familien deutlich. Im Widerspruch dazu betonen neuere ethnologische Forschungen die fluide und situative Qualität verwandtschaftlicher Hilfe sowie deren Abhängigkeit von staatlichen Sozialleistungen.
Diese Thematik der speziellen Konstituiertheit von gegenseitigem Austausch und Hilfe in Verwandtschaftsnetzwerken stellen wir anhand unserer Forschung in Ostdeutschland dar. Hier unterschieden sich gerade horizontale und entfernte Verwandtschaftsbeziehungen in ihrer selektiven Konstruktion auf Basis emotionaler Nähe kaum von Freundschaften. Der dennoch vorhandene Unterschied insbesondere hinsichtlich konkreter Pflegetätigkeit, so unsere These, konstituiert sich durch den „Zeitfaktor”. So haben, bei möglichem Rückgriff auf gemeinsam erlebte Erfahrung, viele verwandtschaftliche Beziehungen einen „zeitlichen Vorteil”, gegenüber später im Lebenslauf begonnenen Beziehungen. Dies lässt sich speziell bei der Wideraufnahme lange ruhender Beziehungen in Übergangsphasen des Lebenslaufs beobachten. Die Verlängerung der Lebenszeit trägt als weitere zeitliche Dimension zu einem Bedeutungsgewinn intergenerationeller Beziehungen bei, wie sich insbesondere in Neu-Formierungen gemeinsamer Haushalte von hochbetagten Eltern mit ihren Kindern andeutet. Verwandtschaftlicher Austausch befindet sich demnach weder auf dem Rückzug, noch ist die politisch unterstellte „Verlässlichkeit” anzunehmen. Allerdings unterliegen diese Beziehungen dynamischen Wandlungsprozessen, die wir insbesondere im Vergleich zu Beziehungen unter Freunden und Nachbarn untersuchen.