DGV Tagung 2007

Nikolaus Schareika: Verabsolutierung von Verwandtschaft durch die rituelle Produktion von Öffentlichkeit: das Beispiel der Wodaabe Nigers

Sobald man einen verwandtschaftlichen Status nicht mehr als biologisch oder strukturell bestimmtes Attribut einer Person auffaßt, sondern als Ergebnis vielfältiger dialogischer Prozesse der Selbst- und Fremdzuschreibung von Identität, eröffnen sich Perspektiven der handlungsorientierten Untersuchung verwandtschaftlicher Beziehungen. Eine verwandtschaftliche Beziehung kann dann als Ergebnis von Aushandlungs- und Tauschprozessen, die etwa den ökonomischen und politischen Interessen von Akteuren folgen, gesehen werden. Damit aus dieser konstruktivistischen und prozessualen Perspektive, die den Akteuren einigen Handlungsspielraum zubilligt, nicht das eindimensional transaktionalistische Modell von Verwandtschaft als gegenseitiger Vorteilsnahme entsteht, darf aber ein entscheidender Punkt nicht außer acht gelassen werden. Der soziale und politische Wert von Verwandtschaft liegt für die einen Akteure gerade darin, daß es anderen Akteuren ungeheuer schwer gemacht wird, eine einmal festgezurrte Verwandtschaftsbeziehung wieder aufzuzurren und ein alternatives soziales Netzwerk zu knüpfen. Das Knüpfen einer verwandtschaftlichen Beziehung ist also in der Tat Handlung; es ist aber gleichzeitig eine Handlung, die alles daransetzt, nicht von anderen wiederholt und modifiziert werden zu können. Die Frage ist daher: Was kennzeichnet diese Handlungen der Etablierung von Verwandtschaft, daß sie sich einer zukünftigen sozialen Manipulation entziehen können? Am Beispiel der nomadischen, segmentär organisierten Wodaabe Nigers werde ich die These vertreten und erläutern, daß in den Ritualen von Heirat und Filiation durch das zeremonielle Verteilen von Fleisch eine Öffentlichkeit erzeugt wird, die zum Zeugen und materiellen Garanten der einmaligen symbolischen Setzung von verwandtschaftlichem Status wird. So wie sich diese Öffentlichkeit nach der Zeremonie in der Savanne zerstreut, wird die neugeschaffene Verwandtschaftsbeziehung durch das mannigfache sprachliche, symbolische und materielle Handeln jedes einzelnen, der zu dieser Öffentlichkeit gehört, zum festen Bestandteil des sozialen Kosmos der Nomaden. Die Streuung der Botschaft von der neugeschaffenen Verwandtschaftsbeziehung in die gesamte Gruppe entzieht sie manipulierenden Eingriffen einzelner Akteure (einschließlich der ursprünglich Beteiligten) und macht sie zu einer (fast) absoluten Realität für alle.

Workshop:

06 | Verwandtschaft Heute

Termin:

Dienstag, 02.10.2007 und Mittwoch, 03.10.2007, jeweils 14:00-18:00 Uhr

Ort:

Melanchthonianum, Hörsaal XX