DGV Tagung 2007

Judith Bovensiepen: Kindererziehung, Adoption und Verwandtschaft Osttimor

Die frühe ethnologische Literatur zu Osttimor und Ostindonesien erklärte die Bündnisse, die durch Verwandtschaftsbeziehungen, vor allem Kreuz-Cousinen Hochzeit entstanden sind, zur zentralen Erklärungskategorie der gesellschaftlichen Systeme dieser Region.[1] Sprachlich wird in Osttimor allerdings nicht zwischen biologischer und sozialer Zugehörigkeit unterschieden. Westliche Verwandtschaftsbegriffe können daher nicht problemlos auf die timoresische Situation übertragen werden. In den 60iger Jahren wurde der „genealogische Ansatz” in der Ethnologie allgemein stark kritisiert, da er Gesellschaften westliche Verwandtschaftsbegriffe aufzwänge, die dort nicht die gleiche Bedeutung haben.[2] Diese Kritik führte so weit, dass die Beschäftigung mit Themen wie biologischer Verwandtschaft und Abstammung an sich schon als europäische Erfindung kritisiert wurde; dies seien Themen, die in anderen Ländern und Kulturen unter Umständen gar keine Relevanz hätten.[3]

Mein Hauptargument ist, dass, obwohl sprachlich in Osstimor nicht zwischen biologischer und sozialer Verwandtschaft unterschieden wird, in der täglichen Praxis trotzdem klare Unterschiede zu beobachten sind. Dieser Widerspruch wird Hauptschwerpunkt meines Beitrags, in dem ich versuche zu verstehen, warum im öffentlichen Diskurs in Osstimor biologische Verwandtschaft heruntergespielt wird, auch wenn sie im täglichen Umgang und in privaten Gesprächen immer wieder aktuell ist. Ich werde aufzeigen, dass man durch empirische Untersuchungen des kulturellen Umgangs mit den Themen Verwandtschaft, Zugehörigkeit und Adoption auch andere sozio-kulturelle Aspekte verstehen kann. Unter Berücksichtigung der theoretischen Debatten zum Thema Verwandtschaft, werde ich dies anhand meiner eigenen Daten aus einem ländlichen Bezirk von Osttimor illustrieren, in dem ich Verwandtschaft und Adoption und ihre Beziehung zu anderen kulturellen und historischen Themen untersuche. Ich betone hierbei die Wichtigkeit, die lokale Bedeutung von Verwandtschaftsbegriffen zu verstehen, gleichzeitig distanziere ich mich von dem interpretativen Ansatz, der behauptet, biologische Verwandschaft hätte keine Relevanz in nicht-westlichen Gesellschaften.

Workshop:

06 | Verwandtschaft Heute

Termin:

Dienstag, 02.10.2007 und Mittwoch, 03.10.2007, jeweils 14:00-18:00 Uhr

Ort:

Melanchthonianum, Hörsaal XX
  • [1] Wouden, F.A.E. van. 1968 [1935]. Types of Social Structure in Eastern Indonesia. The Hague: Nijhoff. [KITLV, Translation Series 11.]
  • [2] Z.B. Needham, Rodney. 1971. Rethinking Kinship and Marriage. New York: Tavistock.
  • [3] Schneider, David M. 1984. A Critique of the Study of Kinship. Ann Arbor: University of Michigan Press.