Seit einigen Jahren wird für die postfordistischen Gesellschaften ein neues und massenhaftes Interesse an Ahnenforschung, ein „fièvre généalogiste” (André Burguière) beobachtet. Eine der ersten Arbeiten zu dieser Form genealogischer Praxis stammt von Tamara Hareven, die sie Ende der 1970er Jahre als „tribal rites in industrial society” zur Sicherung sich wandelnder Identitäten charakterisierte.
Ausgehend von der Wiener „Heraldisch-Genealogischen Gesellschaft ‚Adler’”, gegründet 1870 in Wien, untersuche ich in meiner Forschung genealogische Praktiken als Formen des Verwandtschaft-Machens. Die sozialhistorische und soziologische Differenzierung zeigt dabei zum einen eine von Verwissenschaftlichung begleitete Popularisierung der Genealogie, die von einer Technik der Statuslegitimation des Adels zu einer Strategie der Statusrepräsentation im Bürgertum wurde. In historisch-vergleichender und kulturanthropologischer Perspektive wird zum anderen deutlich, dass genealogische Praktiken sowohl zur Exklusion (beispielsweise in der rassistischen und biologistischen Genealogie der NS-Gesetzgebung) wie auch zur Integration und als Identitätsbildungsmöglichkeit benutzt werden. Letzteres gilt für Situationen von Migration - wobei die Migration auch eine Auswanderung von genealogisch recherchierten Vorfahren im 19. Jahrhundert gewesen sein kann (wie etwa die ethnologischen Forschungen von Caroline Legrand in der irischen Diaspora dokumentieren); es gilt aber auch für ausgegrenzte und angefeindete Gruppen, wie es für die Formierung genealogischer Interessen in den jüdischen Gemeinden in Europa zu Beginn des 20. Jahrhunderts und etwa auch von den black americans in den USA in den 1970er Jahren belegt ist.
Die Analyse der Verwissenschaftlichung der Genealogie seit dem 18. Jahrhundert macht zudem auch am Beispiel Wiens klar, wie diese Praktiken in der (proto-)akademischen Gemengelage von Vereinen, Gesellschaften und Museen sowie universitären Studiengängen, Lehrstühlen und Instituten aus den für die eigene Gesellschaft reservierten, im Entstehen begriffenen Disziplinen (z.B. Geschichtswissenschaft) in die Völkerkunde/Ethnologie abgedrängt und umgelenkt wurde.
Die hier skizzierte, kulturanthropologische Zusammenschau historischer und gegenwärtiger sowie popularer und wissenschaftlicher Genealogie eröffnet Perspektiven auf die Bedeutung solcher Praktiken im Kontext gesellschaftlicher Ordnung wie gesellschaftlichen Wandels gerade in den bürgerlichen, heute postfordistischen Gesellschaften, in denen - sozusagen in Verkehrung der Reduktion fremder Gesellschaften auf eine Ordnung qua Verwandtschaft - Verwandtschaft als Element von Struktur, Repräsentation und Praxis so lange „negiert” (Carola Lipp) wurde.