DGV Tagung 2007

Thorolf Lipp und Martina Kleinert: Utopie einer „Medienkultur des Wissens“: Mediale Vermittlung des UNESCO „Intangible Heritage“ und die Rolle der Ethnologie

Die UNESCO hat seit dem Jahr 2000 ein Programm entwickelt, durch das „immaterielle Formen kulturellen Ausdrucks” und „kulturelle Räume” beispielhaft unter Schutz gestellt werden. Das meist kurz „Intangible Heritage” genannte Programm ist als Ergänzung zum bereits bestehenden Welterbeprogramm gedacht und soll herausragende Kulturleistungen, gerade auch von nicht-westlichen Gesellschaften, würdigen. Zum immateriellen Erbe gehören Sprachen, mündliche Literaturformen wie Mythen, Epen und Erzählungen, aber auch Musik, Tanz, Spiele, Bräuche oder besondere handwerkliche Fähigkeiten.

Die UNESCO beklagt, daß der Vielfalt der kulturellen Ausdrucksformen gerade auch durch die Massenmedien das Aus durch Vereinheitlichung droht. Gleichwohl regt sie eine mediale Umsetzung und Vermittlung des „Intangible Heritage” ausdrücklich an, um freie Zugangsmöglichkeiten zu den kulturellen Ausdrucksformen der jeweils „Anderen” zu schaffen. Dabei werden geeignete Kooperationen zwischen entwickelten Ländern und Entwicklungsländern explizit angemahnt. Die unterzeichnenden Länder sind insbesondere dazu aufgerufen, Maßnahmen zu ergreifen, die darauf abzielen, die Medienvielfalt zu erhöhen, auch und gerade durch den öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem „Intangible Heritage”, aber auch dessen mediale Umsetzung und Vermittlung, stellt eigentlich ein typisches Forschungsfeld für Ethnologen dar, denn schließlich geht es hier, basal gesprochen, um den Transfer kultureller Konzepte. Bislang läßt sich jedoch beobachten, daß es so gut wie ausschließlich professionelle TV-Produzenten sind, die sich für das „Intangible Heritage” interessieren. Inzwischen gibt es allein in Deutschland zwei (unregelmäßige) Sendereihen, die sich dem „Intangible Heritage” widmen - freilich ohne dabei die von der UNESCO erwähnte Zusammenarbeit mit lokalen Medieninstitutionen und das Aufgreifen kulturell spezifischer, „fremder” Narrationen anzustreben. Vielmehr läßt sich beobachten, daß hier beständig „bewährte”, „alltägliche” Produktionsmechanismen reproduziert werden. Das Resultat sind, erwartungsgemäß, bezüglich ihrer Machart und Dramaturgie stark normierte TV-Produktionen. Ein veritabler Austausch von Wissen hingegen kommt durch eine derartig strukturierte mediale Umsetzung nur sehr eingeschränkt zustande.

Die Ethnologie wiederum, so scheint es, ist offenbar gefangen in den Debatten um die unüberschaubare ethisch-moralische Komplexität des Themenfeldes. Fragen nach kulturellem Copyright, einem dem Austausch kultureller Konzepte stets im Wege stehenden Euro- und Chronozentrismus, sowie die mit diesen epistemologischen Problemen verknüpfte, dramatisch gesunkene Akzeptanz von Konzepten des „ethnographischen Filmes” als Praxis der Kulturvermittlung, scheinen eine aktive Rolle der Ethnologie in diesem Feld bislang eher zu verhindern.

Der Vortrag kann keinen Ausweg aus diesem Dilemma weisen. Vielmehr versuche ich, das Forschungsfeld überhaupt zu sondieren und aufzuzeigen, wo es Ansatzmöglichkeiten geben könnte, ethnologische Konzepte (weiter-) zu entwickeln und mit medialer Umsetzung konkret zu verknüpfen, um selbst aktiv an der Gestaltung der Utopie einer „Medienkultur des Wissens” teilzuhaben.

Workshop:

05 | Zwischen Vereinheitlichung und Fragmentierung der Welt? Lokale Medienkulturen und die Konstitution von Wissen und Wissenschaft

Termin:

Mittwoch, 03.10.2007, und Donnerstag, 04.10.2007, jeweils 14:00-18:00 Uhr

Ort:

Melanchthonianum, Hörsaal A