DGV Tagung 2007

Ursula Münster: Gender Studies in Indien: eine Standortbestimmung

Der Vortrag soll einen Überblick über aktuelle Themen und theoretische Entwicklungen der ethnologischen (wobei die disziplinäre Zuordnung zunehmend an Relevanz verliert) Gender-Studies in Indien geben. Ziel ist es, die wichtigsten Impulse der ethnographischen Gender-Literatur für die postkoloniale Ethnologie Indiens zu diskutieren. Unter dem Einfluss der Subaltern Studies, postkolonialer Theorie und feministischer Geschichtsschreibung hat sich das ethno­graphische Schreiben über Gender in Indien in den letzten Jahren entscheidend gewandelt. Die Gender-Studies der 1970er und 1980er Jahre konzentrierten sich noch auf die Untersuchung der Rolle der Frau in der indischen Gesellschaft, ihrer Unterdrückung und Benachteiligung durch asymmetrische Gender- und Machtbeziehungen. Seit den 1990er Jahren bemühen sich EthnologInnen vermehrt, Agency, Handlungsmacht und Gegendiskurse der indischen Frauen zu betonen. Statt Frauen als passive „Opfer” von patriarchalen, ideologischen, diskursiven Strukturen zu repräsentieren stellt man sie nun als subversiv handelnde Subjekte dar, die aktiv an ihrer Identitäts­konstruktion beteiligt sind und Widerstand gegen hegemoniale normative Gender-Ideologien leisten. Forderungen werden laut, die Stimmen indischer Frauen anzuerkennen und anzuhören, ohne sie westlichen monolithischen Konzepten, Historien oder Wissenschaftsdiskursen unterzuordnen und sie weder als die „Anderen” zu essentialisieren, noch als „Gleiche” zu homogenisieren. Nicht zuletzt aufgrund ihrer theoretischen Debatten leisten die Gender-Studies wichtige Beiträge für die aktuelle Ethnologie Indiens. Auch thematisch verdanken die gegenwärtigen Sozialwissenschaften Indiens den Gender-Studies innovative Anregungen. Die Vielfalt der behandelten Themen­bereiche reicht von Untersuchungen zur Rolle des indischen Nationalstaates bei der Kon­struktion von Gender-Identitäten, zu postkolonialen Geschlechterkonstruktionen, „Queer Identities”, zu Maskulinitäten, zu Gender, Populärkultur und der „neuen Mittelklasse” bis hin zu Studien über die Rolle der Frau im Hindu-Nationalismus. Zugleich sprechen zahlreiche Lehrstühle/departments für Gender-Studies an indischen Universitäten gegen die These einer Marginalisierung des Faches in der akademischen Landschaft des Subkontinents.

Workshop:

04 | Ethnologische Geschlechterforschung: Marginalisierung und Relevanz in- und außerhalb der Disziplin

Termin:

Dienstag, 02.10.2007, 14:00-18:00 Uhr

Ort:

Melanchthonianum, Hörsaal XVI