In den letzten Jahren ist „der Staat” von einem Nicht-Gegenstand (Radcliffe-Brown) ins Zentrum der politikethnologischen Forschung gerückt. Die Herausforderung an die Ethnologie besteht dabei darin, den doppelten ontologischen Charakter des „Staates” methodisch in den Griff zu bekommen. Einerseits ist der „Staat” ein ideologisches Objekt, eine kulturelle Repäsentation, die ähnlich wie „Nation” einen imaginierten und umstrittenen Charakter hat. Auf der anderen Seite haben wir es mit konkreten materiellen Effekten staatlichen Wirkens zu tun. Mit alltäglichen Begegnungen der Bevölkerungen mit „lokalen Staatsarbeitern” (Gupta) aber auch mit nicht-staatlichen Akteuren, von denen „Staatseffekte” (Trouillot) ausgehen. Beide Aspekte des Staates können einer empirischen/ethnographischen Herangehensweise erschlossen werden. Dabei stellen sich ähnliche Fragen wie sie die Ethnologie Indiens als Ganze betreffen (und Thema dieses Workshops sind): Wer spricht für den indischen Staat, wer (er-)kennt den indischen Staat? Unterscheiden sich Repräsentationen der staatlicher Eliten, von subalternen Erzählungen? In welchem Verhältnis stehen „folk-Theorien” des indischen Staates zu den Selbstrepräsentationen staatlicher Eliten?
Ein wesentliches Moment eines dezidiert ethnologischen Zugangs zum „Staat” besteht darin historische, kulturelle und gesellschaftliche Kontexte ernst zu nehmen und durch eine Beschreibung von Staaten im Plural, wenn möglich auf regionaler Ebene (Sivaramakrishnan/Agrawal), zu einer ethnologische anspruchsvollen Beschreibung jenseits funktionalistischer Paradigmen zu gelangen. In diesem Sinne soll anschließend an theoretisch-methodologische Überlegungen der Focus auf den südindischen Bundesstaat Tamil Nadu gelegt werden. Im Vordergrund stehen die dabei lokalen Erwartungen an den tamilischen Staat, Interaktionen mit Vertretern des lokalen Staates und Transformationen von Staat und Staatlichkeit seit den 1990er Jahren. Abschließend möchte ich erste ethnografische Einblicke in eine empirisches Feld geben: Bauernselbstmorde und ihre bürokratische Bewältigung. Rund um den Problembereich Bauernselbstmorde soll die neoliberale Transformation des indischen Entwicklungsstaates seit den 1990er Jahren untersucht werden. Empirischer Gegenstandsbereich sind dabei die beobachteten und erinnerten Interaktionen von Bauern in prekärer ökonomischer Lage und den Hinterbliebenen der auf Landwirtschaft bezogenen Selbstmordopfer mit Vertretern des lokalen Staates (Bürokraten, Politiker, GO-NGOs).