Nach dem Zusammenbruch des Sozialismus im Einflussbereich der ehemaligen Sowjetunion haben neo-liberale Tendenzen einen weltweiten Aufschwung erfahren. Staatliche Organisation sozialer Sicherung, einst interpretiert als Basis demokratischer und ökonomischer Entwicklung, geriet zunehmend unter Privatisierungs- und Dezentralisierungsdruck. Parallel dazu wurden in Debatten um Bedürftigkeit und Abhängigkeit in institutioneller Pflege staatlicher Paternalismus und Kontrolle kritisiert sowie mehr Marktorientierung gefordert. Diese Entwicklungen haben zu einer dominanten Interpretation neuerer Reformen als „Rückzug des Staates” gerade auch in ehemals sozialistischen Ländern geführt. Obwohl viele post-1989 Reformen ohne Zweifel vielfältige soziale Härtefälle produziert haben, ist diese Metapher analytisch aus zwei Gründen problematisch. Zum einen impliziert sie eine eindimensionale Sichtweise „des Staates”, die eine Erfassung komplexer und widersprüchlicher Entwicklungen erschwert. Zum anderen erlaubt sie wenig Ansatzpunkte zur Analyse der Variabilität unterschiedlicher „Privatisierungen” und damit der dynamischen Rekonfigurationsprozesse öffentlicher und privater Räume, Institutionen, und Subjektivitäten. Um diese Einschränkungen zu überwinden, schlage ich eine Kombination des ethnologischen Konzeptes sozialer Sicherung mit feministischen Perspektiven auf care vor. In der Anwendung auf die Transformationen ehemalig sozialistischer Länder wird beispielhaft aufgezeigt, wie so über den „Rückzug des Staates” hinausreichende Einsichten in die sich wandelnden Konfigurationen von Staat, Familie und Markt ermöglicht werden.
Plenarveranstaltung:
III | Ethnologische Forschungsperspektiven aus Halle
Termin:
Donnerstag, 04.10.2007, 09:00-11:00 Uhr
Ort:
Audimax (Gebäude), Audimax (Hörsaal)