Die Ethnologiegeschichte geht im Allgemeinen davon aus, dass die Anfänge der Völkerkunde bei Tylor, Bastian und Morgan im 19. Jahrhundert liegen. Dieser fast kanonischen Auffassung möchte ich die These entgegen setzen, dass eine programmatische und umfassende Ethnographie bereits im 18. Jahrhundert im Zusammenhang mit der Erforschung des damaligen russischen Reiches von zumeist deutschsprachigen Gelehrten existierte. Als Begründer der Ethnographie erscheint mir der Sibirienforscher Gerhard Friedrich Müller, der eine (bisher unveröffentlichte) “Beschreibung der sibirischen Völker” verfasste und um 1740 historisch-kritische Forschungsmethoden entwickelte. Ihm folgte August Ludwig Schlözer, der 1771-72 die Ethnographie und Völkerkunde in den Gelehrtendiskurs in Göttingen einführte. Schlözer erweiterte Müllers Programm und wandelte die Ethnographie in eine Völkerkunde um. Er postulierte 1772 die “ethnographische Methode” als eine der vier Methoden der Weltgeschichte.
Im 19. Jahrhundert wurde die Ethnographie als besondere Völkerkunde und die Ethnologie als allgemeine Völkerkunde weitergeführt. Mit ihr sind Namen verbunden, wie Heinrich Berghaus, Carl Ritter, Gustav Klemm und Theodor Waitz. Mit Adolf Bastian wurde die Ethnologie eine Theorie-orientierte Wissenschaft. Damit kann Bastian als Begründer der “modernen Ethnologie” in Deutschland gelten. Trotzdem blieb die Entwicklung in Deutschland überwiegend ethnographisch orientiert, wie Friedrich Müllers Allgemeine Ethnographie (Wien 1873) und Oscar Peschels Völkerkunde (Leipzig 1874) - die ersten Lehrbücher vor E.B. Tylors Anthropology (London 1881) - belegen.