Während im 18. Jahrhundert sich in Deutschland eine “Völkerperspektive” (Vermeulen) als Sensibilität für kulturelle Vielfalt gegen den Zivilisationsdiskurs abzeichnete, scheint in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die deutsche Völkerkunde selbst als pluralistisches Unternehmen Gestalt zu gewinnen. 1929 gründete Fritz Krause in Leipzig die Gesellschaft für Völkerkunde, die im Unterschied zu den anthropologisch-ethnologisch-prähistorischen Traditionsverbänden einem Fächer unterschiedlichster Perspektiven Raum zu geben versprach. Die heterogene Fachlandschaft erhielt dadurch einen experimentellen Zug, der zweifelsohne auch mit Realitätsverlusten im Zuge des verlorenen Kolonialreichs und der sich anschließenden Sonderwege des Geistes erkauft war. Auch wenn sich nach dem 2. Weltkrieg die deutschen Ethnologien hauptsächlich in zwei ungleiche Lager sortierten, blieb der plurale Charakter des Fachs noch eine Zeit lang erhalten, bis schließlich Europäisierung und “World Anthropology” neue Prioritäten setzten.