Kann man von einer Berliner Schule der Ethnologie sprechen? Schon die Thurnwald-Schule wurde als solche definiert, doch dann kamen neue Strömungen dazu, die nicht explizit aufeinander aufbauten. Können wir dennoch von einer Berliner Schule sprechen, oder sind es mehrere? In diesem Vortrag geht es besonders um die 1970er Jahre, als in Berlin in einem für Deutschland einmaligen Unternehmen die Ethnologie neu bestimmt wurde. Dieser Berliner Vorstoß wurde hauptsächlich von Lawrence Krader, Fritz Kramer, Bernhard Streck aber eben auch Jakob Taubes angeleitet. Es ging weniger um bestimmte geographische Gebiete (vor allem das Horn von Afrika und Zentralasien), sondern die Methode und Epistemologie der Ethnologie. Feldforschung über einen längeren Zeitraum und eine besondere Aufmerksamkeit für die Kritik des ethnologischen Wissens waren wichtige Eckpunkte der Neuausrichtung. Mit der Theorie der imaginären Ethnographie (Kramer) wurde die Orientalismusdebatte (Edward Said) vorweggenommen, und mit den Überlegungen zu Wissenschaft und Irrationalität (Dürr) wurde eine Thematik eröffnet, die in der Wissenschaftsforschung bis heute hoch aktuell ist. Im Berlin der 1970er Jahre entstand das, was ich die dadaistische Strömung der Ethnologie nenne.