Workshop 6
Das Interesse an Verwandtschaft stand am Anfang der Ethnologie als wissenschaftlicher Disziplin und hat seither ein konstantes Auf und Ab erlebt – ganz verschwunden ist das Thema zu keiner Zeit. Sowohl in empirischen Arbeiten als auch in der ethnologischen Theoriebildung spielte und spielt die Frage, ob und wie Menschen über verwandtschaftliche Beziehungen miteinander verbunden sind und welche Konsequenzen das hat, eine wichtige Rolle. Die Debatten zwischen einer eher interpretativen und der auf empirischer Basis Hypothesen prüfenden Ethnologie, die auf der DGV-Tagung thematisiert werden sollen, haben sich auch auf die Verwandtschaftsethnologie ausgewirkt. Forschung und Theoriebildung bezüglich verwandtschaftsethnologischer Fragestellungen hat in beiden „Lagern“ stattgefunden, auch wenn die Diskussion zwischen Vertretern der verschiedenen Standpunkte häufig zu kurz gekommen ist.
In Deutschland relativ wenig beachtet, erlebte das Thema Verwandtschaft in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in der angelsächsischen Ethnologie unter dem Stichwort new kinship eine Renaissance. Sie wird hier weniger als formales System sozialer Beziehungen, die auf der Grundlage biologischer Verwandtschaftsbeziehungen beruhen, gefasst, sondern als relatedness, als konkret empfundenes Verwandt-sein oder als belonging (Zugehörigkeit). Die Aufmerksamkeit der Forscher richtet sich dabei weniger auf formale Verwandtschaftsstrukturen, als vielmehr auf konkrete Handlungen, das Empfinden und die Konstruktion von Zugehörigkeit und die damit verbundenen vielfältigen Formen des Tausches. In der eher analytisch orientierten Sozialwissenschaft spielt die Untersuchung von Tausch (sharing), Freundschaft, Kollegialität, und Nachbarschaft bereits seit längerem eine Rolle. Die soziale Netzwerkanalyse hat sich seit den 1960iger Jahren als ein Paradigma entwickelt, das die Fluidität von sozialen Beziehungen quantitativ und qualitativ fassbar macht. In dem geplanten workshop sollen die Standpunkte der verschiedenen Richtungen verdeutlicht und zueinander in Beziehung gesetzt werden. Darüber hinaus wird die Frage gestellt, welche Themen und Probleme heute Gegenstände der Verwandtschaftsethnologie sind und welche Bedeutung Verwandtschaft hat. Neue Themen, die im Mittelpunkt ethnologischer Forschung stehen, sind etwa multi-ethnische Verwandtschaftsnetzwerke transnationaler Familien, intra- und internationale Adoptionen und verwandtschaftliche Beziehungen über neue Reproduktionsmedizin. Immer wieder wird der Bedeutungsverlust von Verwandtschaft in modernen Industriegesellschaften festgestellt. Trifft das jedoch auf alle Bereiche gleichermaßen zu? Und ist er empirisch belegbar?
Im Rahmen des workshops wünschen wir uns sowohl empirische Beiträge wie theoretische Überlegungen. Alle Beiträge sollten sich um eine explizite und begründete Selbstverortung im Feld der Verwandtschaftsethnologie bemühen.
Organisation
Erdmute Alber; Universität Bayreuth, Ethnosoziologie
Bettina Beer; Universität Heidelberg, Institut für Ethnologie
Julia Pauli; Universität zu Köln, Institut für Völkerkunde
Michael Schnegg;
Universität Hamburg, Institut für Ethnologie
Datum, Uhrzeit
Dienstag, 02.10.2007 und Mittwoch, 03.10.2007, jeweils 14:00-18:00 Uhr
Ort
Melanchthonianum, Hörsaal XX
Programm [aktualisiert am 30.09.2007]
Dienstag, 02.10.2007: Historische Einordnung und Standortbestimmung
- 14:00-14:30 Elisabeth Timm Statusaspiration, Distinktion, Identitätssicherung: Genealogie zwischen Alltagspraxis und wissenschaftlicher Institutionalisierung vom 19. Jahrhundert bis heute
- 14:30-15:00 Michael Schnegg und Julia Pauli Wahlverwandtschaften: Struktur und Agency in der Verwandtschaftsethnologie
- 15:00-15:30 Erdmute Alber Strukturen, Funktionalismen und danach – Neue und alte Theorien zur sozialen Elternschaft in Westafrika
- 15:30 – 16:00 PAUSE
Dienstag, 02.10.2007: Transkulturelle Verwandtschaft
- 16:00-16:30 Bettina Beer Transkulturelle Familien aus Sicht der Verwandtschaftsethnologie: Zwischen formalen Beziehungen und relatedness
- 16:30-17:00 Simone Krieg Verwandtschaftliche Beziehungsnetzwerke zwischen Ghana und Deutschland- ein informelles, transnationales Pflegschaftssystem?
- 17:00-17:30 Ingrid Kummels Ehe und die Transnationalisierung des Privaten, ein Forschungsbericht
- 17:30-18:00 Nikolaus Schareika Verabsolutierung von Verwandtschaft durch die rituelle Produktion von Öffentlichkeit: das Beispiel der Wodaabe Nigers
Mittwoch, 03.10.2007: Verwandtschaft als Prozess
- 14:00-14:30 Joachim Görlich Verwandtschaft und Land als ein relationales Feld bei den Kobon, Papua-Neuguinea
- 14:30-15:00 Wolbert Smidt Verwandtschaft und Freundschaft in der Rhetorik der Einheit der Tigrayer
- 15:00 – 15:30 PAUSE
Mittwoch, 03.10.2007: Verwandtschaftliche Netze: Unterstützungen und Abhängigkeiten
- 15:30-16:00 Astrid Baerwolf und Tatjana Thelen Befreundete Nähe, verwandte Pflege? - Dimensionen gegenseitiger Hilfe
- 16:30-17:00 Swenja Poll Gemischte Gefühle: Verwandtschaft, Abhängigkeit und Macht in Botswana
- 17:00-17:30 Judith Bovensiepen Kindererziehung, Adoption und Verwandtschaft Osttimor
Vorträge & Abstracts
Wolbert Smidt: Verwandtschaft und Freundschaft in der Rhetorik der Einheit der Tigrayer
Während einer Feldforschung 2004-06 in Tigray (Nordäthiopien) habe ich mich mit der Knüpfung von Netzwerken, der Etablierung von Freundschaft und von “gefühlter” Verwandtschaft im Alltag und in der Politik beschäftigt. Kleine wie größere Freundschafts-Netzwerke benutzen v.a. das Vokabular der Verwandtschaftbezeichnungen, abgeleitet von den alten Verwandtschaftsgemeinschaften auf Dorfebene. Sie sind also gewissermaßen fiktive Verwandtschaftsnetzwerke. Dieses […]
Elisabeth Timm: Statusaspiration, Distinktion, Identitätssicherung: Genealogie zwischen Alltagspraxis und wissenschaftlicher Institutionalisierung vom 19. Jahrhundert bis heute
Seit einigen Jahren wird für die postfordistischen Gesellschaften ein neues und massenhaftes Interesse an Ahnenforschung, ein „fièvre généalogiste” (André Burguière) beobachtet. Eine der ersten Arbeiten zu dieser Form genealogischer Praxis stammt von Tamara Hareven, die sie Ende der 1970er Jahre als „tribal rites in industrial society” zur Sicherung sich wandelnder Identitäten charakterisierte.
Ausgehend von der […]
Michael Schnegg und Julia Pauli: Wahlverwandtschaften: Struktur und Agency in der Verwandtschaftsethnologie
Dem individuellen Gestaltungsspielraum wird in den verschiedenen verwandtschaftstheoretischen Ansätzen sehr unterschiedliche Bedeutung beigemessen. Sowohl die Allianz- wie auch die Deszendenztheorie, aber auch symbolische Ansätze thematisieren die Agency einzelner Akteure kaum. Sie stellen stattdessen strukturelle Analysen in den Vordergrund. Die neue Verwandtschaftsethnologie fokussiert hingegen stärker auf individuelle Handlungsfreiheiten und hebt die kreativen Aspekte im Umgang […]
Erdmute Alber: Strukturen, Funktionalismen und danach – Neue und alte Theorien zur sozialen Elternschaft in Westafrika
Die Debatten zur Erklärung der hohen Rate an Pflegschaftsbeziehungen in Westafrika wurden bis in die neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts auf der einen Seite durch (britische) strukturfunktionalistische und auf der anderen Seite durch (französische) strukturalistische Ansätze geprägt. Beide nahmen einander - aufgrund von Sprachbarrieren und national geprägten Rezeptionsgewohnheiten - kaum zur Kenntnis.
Danach erst erschienen […]
Bettina Beer: Transkulturelle Familien aus Sicht der Verwandtschaftsethnologie: Zwischen formalen Beziehungen und relatedness
Der Vortrag ist Anlass, ein interdisziplinäres Forschungsvorhaben zu skizzieren, das sich in meiner Arbeit der letzten fünfzehn Jahren herauskristallisiert hat. Ich werde mich dabei nicht nur auf eigene empirische Arbeiten stützen. Einbeziehen werde ich auch Abschlussarbeiten von Studierenden und den Bogen spannen von frühen eigenen Forschungen mit deutsch-philippinischen Ehepaaren in Hamburg und einer ethnischen […]
Simone Krieg: Verwandtschaftliche Beziehungsnetzwerke zwischen Ghana und Deutschland- ein informelles, transnationales Pflegschaftssystem?
Ausgehend von Arbeiten über Adoptionen und Pflegschaften in Ozeanien und Westafrika sowie über internationale Adoptionen möchte ich in diesem Vortrag mein Dissertationsvorhaben über transnationale, informelle Beziehungsnetzwerke zwischen Ghana und Deutschland vorstellen.
Wie bereits in vielen Arbeiten gezeigt wurde, kommen Kinderpflegschaften in Ghana innerhalb des verwandtschaftlichen Umfeldes sehr häufig vor. Es stellt sich die Frage, welche […]Ingrid Kummels: Forschungsbericht: Ehe und die Transnationalisierung des Privaten
Binationale Verbindungen und Ehen erfahren im kubanischen Kontext - als Teil der international wachsenden Vielfalt von Familie, Ehe und Elternschaft - zunehmend eine Ausdifferenzierung. Gleichzeitig stehen sie u.a. in den USA und in der Europäischen Union zunehmend unter einem Generalverdacht, seitdem dort als migrationsbegrenzende Maßnahme erstmals in den 1990er Jahren „Scheinehe” als ein allgemeines […]
Joachim Görlich: Verwandtschaft und Land als ein relationales Feld bei den Kobon, Papua-Neuguinea
Während die genealogische Verwandtschaftstheorie annimmt, dass Verwandtschaft auf der natürlichen Reproduktion basiert und verwandtschaftliche Positionen durch die Geburt definiert werden, geht die prozessorientierte Verwandtschaftstheorie davon aus, dass verwandtschaftliche Beziehungen durch ein performatives Werden und nicht durch einen fait accompli charakterisiert sind. Die Kon-Substanzialität von Verwandten wird nicht länger als eine Bedingung betrachtet, die notwendigerweise […]
Nikolaus Schareika: Verabsolutierung von Verwandtschaft durch die rituelle Produktion von Öffentlichkeit: das Beispiel der Wodaabe Nigers
Sobald man einen verwandtschaftlichen Status nicht mehr als biologisch oder strukturell bestimmtes Attribut einer Person auffaßt, sondern als Ergebnis vielfältiger dialogischer Prozesse der Selbst- und Fremdzuschreibung von Identität, eröffnen sich Perspektiven der handlungsorientierten Untersuchung verwandtschaftlicher Beziehungen. Eine verwandtschaftliche Beziehung kann dann als Ergebnis von Aushandlungs- und Tauschprozessen, die etwa den ökonomischen und politischen Interessen […]
Tatjana Thelen und Astrid Baerwolf: Befreundete Nähe, verwandte Pflege? Dimensionen gegenseitiger Hilfe
Unter Hinweis auf die besondere Bindungskraft und Verpflichtung verwandtschaftlicher Beziehungen werden im politischen Diskurs seit einiger Zeit zunehmend Ansätze einer „Rückverlagerung” von gegenseitiger Verantwortung in die Familien deutlich. Im Widerspruch dazu betonen neuere ethnologische Forschungen die fluide und situative Qualität verwandtschaftlicher Hilfe sowie deren Abhängigkeit von staatlichen Sozialleistungen.
Diese Thematik der speziellen Konstituiertheit von gegenseitigem […]
Swenja Poll: Gemischte Gefühle: Verwandtschaft, Abhängigkeit und Macht in Botswana
Verwandtschaftliche Bande wurden oftmals zu einseitig als soziales Sicherheitsnetz interpretiert. In meinem Vortrag konzentriere ich mich demgegenüber auf die Ambivalenz durch die sich die Beziehung zu Verwandten in Botswana auszeichnet. Ausgehend von den Überlegungen von Janet Carsten, Peter Geschiere und Unni Wikan zur dunklen Seite der Verwandtschaft spüre ich kulturspezifischen Formen der persönlichen Unterwerfung, […]
Judith Bovensiepen: Kindererziehung, Adoption und Verwandtschaft Osttimor
Die frühe ethnologische Literatur zu Osttimor und Ostindonesien erklärte die Bündnisse, die durch Verwandtschaftsbeziehungen, vor allem Kreuz-Cousinen Hochzeit entstanden sind, zur zentralen Erklärungskategorie der gesellschaftlichen Systeme dieser Region.[1] Sprachlich wird in Osttimor allerdings nicht zwischen biologischer und sozialer Zugehörigkeit unterschieden. Westliche Verwandtschaftsbegriffe können daher nicht problemlos auf die timoresische Situation übertragen werden. In den […]