Workshop 15 | RG Afroamerika
Die Afroamerikaforschung, die sich mit den Sklavennachkommen in der Neuen Welt beschäftigt und mit den Kulturen, die auf diese zurückverweisen, verhielt sich mitunter kontrazyklisch zu den großen Trends der Ethnologie. Ihre ausdauernde Suche nach überlebenden und migrierenden Afrikanismen, die diffussionistische Denkmodelle wiederzubeleben schien, ließ sie veraltet wirken. Ihre Beiträge zu den karibischen Mischkulturen und Hybriditäten, die eine Ethnologie der Postmoderne und der Globalisierung vorwegnahmen, eilten ihrer Zeit voraus. Dies hat ein besonderes Spannungsverhältnis von Obsoletheit und Vorreitertum entstehen lassen, in das sich die Afroamerikaforschung auch gegenwärtig wieder verstrickt sieht. So haben Ethnologen seit jeher Afrika und Amerika gleichzeitig in den Blick genommen und in beiden Kontinenten aufeinander bezogen bzw. im heutigen Sinne multilokal geforscht. Doch erst heute wird die Multilokalität auch theoretisch wirksam, indem sie ein verändertes Konzept von Kultur hervorbringt, das neue Qualitäten aufweist.
J. Lorand Matorys „live dialogue“ oder Paul Gilroys „Black Atlantic“ reflektieren in diesem Sinne den Kulturbegriff in alter und neuer Weise. Die kulturellen Prozesse, die sie auf verschiedenen Seiten des Atlantiks, zwischen seinen Ufern und an den jeweiligen Küsten sowie ihrem Hinterland aufspüren, dynamisieren den Kulturbegriff in neuer Weise. Sie öffnen ihn für Bewegung und Gegenbewegung, Gegensätze und Ausgleich, Schwingungen und Wallungen.
Der diesjährige Workshop der Regionalgruppe Afroamerika lädt dazu ein, diese Problematik zu reflektieren. Beiträge zu den Vorläufern einer multilokalen empirischen Forschung in den Afroamerikastudien (z.B. William Bascom, Pierre Verger) sind ebenso erwünscht wie Forschungen zur Gegenwart oder ihren Implikationen für einen dynamischen Kulturbegriff. Zudem sind all jene herzlich zur Mitwirkung eingeladen, die anhand empirischer Beispiele einen Beitrag zur oben skizzierten Problematik leisten möchten.
Organisation
Heike Drotbohm; Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Institut für Völkerkunde
Lioba Rossbach de Olmos; Philipps-Universität Marburg, Institut für Vergleichende Kulturforschung - Völkerkunde
Datum, Uhrzeit
Mittwoch, 03.10.2007, 14:00-18:00 Uhr
Ort
Melanchthonianum, Hörsaal XV
Vorträge & Abstracts
Werner Zips: Black Atlantic vs. Blakk Africa? Ein falscher Gegensatz am Beispiel der Maroons von Jamaica
Kotoko - das Stachelschwein - ist von alters her das Staatsemblem des Asante-Königreiches in Ghana. Die Asante identifizieren sich mit dem kleinen, wehrhaften Tier, das sich gegen wesentlich mächtigere Gegner effektiv zu verteidigen vermag. Vor über 300 Jahren machte der metaphorische Gehalt des Symbols in den Köpfen der Versklavten die erzwungene Migration in die […]
Lioba Rossbach de Olmos: Was ist mit dem Schwarzen Pazifik im Schwarzen Atlantik? Afrokolumbianische Fragen an das Black Atlantic-Konzept von Paul Gilroy
Der „Black Atlantic” Paul Gilroys hat zur Jahrhundertwende neue Fragen an die Afroamerikaforschung wie auch an den Kulturbegiff aufgeworfen. In Kolumbien, wo zu Beginn der 1990er Jahre politische Neuerungen insbesondere an der kolumbianischen Pazifikregion eine eigene, um nicht zu sagen eigenwillige Debatte über die verschiedenen afroamerikanischen Bevölkerungsgruppen des Landes angestoßen haben, trifft Gilroys Konzept […]
Ingrid Kummels: Afrokubanische Religion: Einblicke in die Forschung über Populärkultur
Religion ist eines der Themen, die im Mittelpunkt der Forschung zu karibischen und afroamerikanischen Gesellschaften standen und stehen. Der Widerstand gegen Unterdrückung und die Kreativität von Menschen afrikanischer Herkunft im Rahmen synkretistischer Religionsgemeinschaften wie der sog. Santería wurden dabei oft hervorgehoben und zugleich deren Distanz zu den institutionellen Lehren christlicher Kirchen behauptet. Ein komplexeres […]
Adelheid Pichler: Ilé Ochas in der Stadt. Wohnstätten der afro - kubanischen Götter in der Stadt Havanna.
Havanna ist (auch) die Stadt der Santos und Orishas, Muertos, Eggungus. Orishas und Muertos. Dieses Paper beschreibt die Wohn -und Wirkungsstätten afro-kubanischer Götter im Stadt Raum von Havanna. Es werden verschiedenste heterogene wahrnehmungs -und handlungsleitende Bilder der Stadt Havanna beschrieben, die ein spannungsvolles Nebeneinander heterogener Raumstrukturen bilden. Diese Räume entfalten eigene Qualitäten, neue Kontaktzonen […]
Christiane Pantke: Zwischen den Welten: brasilianische Migrantinnen in Berlin und afrobrasilianische Religionen
Die Auswertung der Interviews mit „heimgekehrten” Migrantinnen aus Berlin ergaben, dass die Migrantinnen in Berlin enormen Erwartungshaltungen aus der Heimat unterworfen sind. Diesen zu entsprechen, wird mit dem Wachsen der zeitlichen Distanz zum Heimatland zusehends schwieriger. Auch Migrantinnen auf Heimatbesuch unterliegen vielfältigen Erwartungen und vor allem dem Zwang, ihr Leben in der Fremde zu […]
Marc Murschhauser: Die kulturelle Revitalisierung der Garínagu in Honduras. Von kultureller Dynamik und Nostalgie
Die Garínagu, auch bekannt als Garífuna bzw. Schwarze Kariben, sind eine Mischung aus verschiedenen Bevölkerungen, insbesondere Kariben der kleinen Antillen und Sklaven aus Afrika. Sie wehrten sich lange Zeit gegen die Unterdrückung der kolonialen Weltmächte, waren gleichzeitig aber stark in wirtschaftliche und politische Beziehungen verwickelt. Nach ihrer Deportation nach Roatán/Honduras begannen sie, entlang der […]
Immo Eulenberger: Reflections of violence in Orisha religion and mythology
Scholars dealing with Orisha mythology often came to the conclusion - or admitted at least implicitly - that it contains peculiar yet interesting readings and interpretations of fundamental themes of human existence. While there is hardly any systematic analysis of single and particular such themes in this ‘transnational semantic field’, the explanation of its […]