Workshop 22
Seit einigen Jahren schon ist die internationale 'Welt der Entwicklungskooperation' zu einem neuen fruchtbaren Gegenstand ethnologischer Forschung geworden. Diese 'Welt' wird dabei aus unterschiedlichen ethnologischen Perspektiven beleuchtet: so setzen manche Arbeiten einen eher diskursorientierten Fokus, andere rücken Vorstellungen und Praktiken lokaler und nichtlokaler Akteure stärker in den Mittelpunkt, und wieder andere Arbeiten konzentrieren den Blick auf die Ebene der Organisationen und der formellen und informellen Verfahrensweisen der Entwicklungskooperation. In jüngerer Zeit kommen Forschungen hinzu, die diese drei Zugänge stärker miteinander verbinden, wie jene über die Verflechtungen zwischen Entwicklungsagenturen und nicht-staatlichen, informellen Akteuren.
Häufig wird dieser eher forschungs- und theorieorientierten Ethnologie der Entwicklung eine eher lösungs- und anwendungsorientierte Entwicklungsethnologie gegenübergestellt. Ohne zunächst auf diese Festlegungen zurückzugreifen, sollen in diesem Workshop aktuelle Forschungen im Feld der Entwicklungskooperation diskutiert und ihr Potenzial für die ethnologische Theoriebildung überprüft werden. Dennoch sind gerade in diesem Zusammenhang auch Beiträge willkommen, die die Frage stellen, was es heute für die Ethnologie / die ethnologische Theoriebildung bedeutet, wenn sich ethnologische Forschung explizit der Verbesserung der Entwicklungspraxis widmet oder sie sich dieser praktischen Ausrichtung (ebenso explizit) verweigert.
Weitere mögliche Fragestellungen des Workshops ergeben sich aus unserem Verständnis der Entwicklungskooperation als einem Feld, das wesentlich durch Prozesse und Probleme des Fremdverstehens bzw. der Vermittlung geprägt ist - Prozesse, die sowohl die Forschenden als auch die Beforschten betreffen. So können im Workshop Fragen nach dem Verlauf interkulturellen Austauschs, der Produktion von Wissen oder den Formen der Vermittlung von und dem Umgang mit diesem Wissen (oder allgemeiner: mit 'Neuem') in mehrfacher Hinsicht diskutiert werden: bezogen sowohl auf die Welt der Entwicklungskooperation als auch auf die Arbeit der Ethnologen. Neben Arbeiten, die sich dabei eher mit Diskursen und Akteuren der EZ beschäftigen, möchten wir uns insbesondere mit der ethnologischen Organisationsforschung und der Frage nach der "informellen" Dimension komplexer bürokratischer Organisationen auseinandersetzen. Auch hierbei sollen Prozesse der Vermittlung, Kooperation, Verflechtung oder des Konflikts zwischen Entwicklungsorganisationen und anderen Formen und Verständnissen der sozialen, politischen und ökonomischen Organisation thematisiert werden. Diskutiert werden sollen dabei außerdem, die Möglichkeiten einer theoretischen und analytischen Übertragung der über die EZ gewonnenen Ergebnisse auf andere Organisationen.
Die Vortragenden sind damit dazu eingeladen, ihre Arbeiten über organisatorische Prozesse, Akteure oder Diskurse der Entwicklungshilfewelt vorzustellen und dabei auch Probleme der Methodik und der Positionierung des Ethnologen /der Ethnologin zu reflektieren.
Organisation
Dr. Thomas Hüsken; Universität Bayreuth
Dr. des. Eva Spies; Universität Mainz
Datum, Uhrzeit
Donnerstag, 04.10.2007, 14:00-18:00 Uhr
Ort
Melanchthonianum, Hörsaal XVIII
Vorträge & Abstracts
Nicolas Kosmatopoulos : Die Erfolgsgeschichte der Konfliktexpertise nach dem Kalten Krieg und seine Verflechtung mit dem alten Entwicklungsdiskurs
Der Beitrag widmet sich zwei Fragen, die trotz ihrer politischen Aktualität und praktischer Ausdehnung, wenig Aufmerksamkeit innerhalb der ethnologischen Forschung finden, nämlich der zeitgenossischen Popularität von Konfliktexpertise und der Verflechtung dieses neuen, professionalisierten Feldes mit dem alten Entwicklungsdiskurs.
Seit dem Ende des Kalten Krieges hat der Konfliktdiskurs eine zentrale Position innerhalb der globalen, institutionalisierten Kanäle […]
Thomas Hüsken: Neue Perspektiven für die Ethnologie der Entwicklung und die ethnologische Organisationsforschung
Im Zentrum des Ansatzes steht die Analyse der Entwicklungszusammenarbeit als komplexe bürokratische Struktur und Organisation. Der Blick auf das Verhältnis zwischen der formellen (bürokratisch) und informellen (moralökonomischen) Dimension von komplexen Institutionen sollte hier ein besonderer Schwerpunkt sein. [1] Außerdem soll das Verhältnis zwischen Entwicklungsbürokratien und nicht bürokratischen Formen der Organisation untersucht werden. Im Gegensatz […]
Natascha Garvin Barba: Entwicklungszusammenarbeit im Bereich Dezentralisierung und die Rolle der Ethnologie. Eine Fallstudie aus Guatemala
Die Arbeitsfelder Dezentralisierung und Bürgerbeteiligung genießen derzeit in der Entwicklungszusammenarbeit hohe Aufmerksamkeit. Im Falle Guatemalas konzentriert sich das Interesse auf das 2002 im Zuge von Gesetzesreformen zur Dezentralisierung eingeführte System der Entwicklungsräte. Vorgestellt werden soll eine Studie zur Implementierung dieser Räte auf lokaler und kommunaler Ebene, die im Auftrag des DED in zwei indigenen […]
Sarah Fichtner: Die Positionierung internationaler Nichtregierungsorganisationen im Bildungssektor von Benin. Fallbeispiele aus der bildungspolitischen Arena der Gemeinde Nikki
Als Teilprojekt des Forschungsprogramms “States at Work. Public Services and Civil Servants in West Africa: Education and Justice in Benin, Ghana, Mali and Niger” beschäftigt sich dieses ethnologische Dissertationsvorhaben mit der Positionierung von internationalen Nichtregierungsorganisationen im formellen Primarbildungssektor von Benin.
Im Kontext globaler Bildungskampagnen und Millenium-Entwicklungsziele wie “Bildung für Alle” sind internationale Nichtregierungsorganisationen zu unübersehbaren […]