Workshop 18 | AG Visuelle Anthropologie
Kaum ein Fach hat es seit den Proklamationen des sogenannten iconic oder pictorial turn versäumt, die Frage nach dem Stellenwert von Bildern in der eigenen Disziplin zu verfolgen, wenn nicht einen eigenen Beitrag zur Bildfrage zu formulieren. In den letzten Jahren hat sich ein interdisziplinäres Netzwerk von Wissenschaftlern herausgebildet, das den vormals kunstzentrierten Bildbegriff kulturhistorisch, soziologisch, mitunter auch allgemein-anthropologisch zu erweitern sucht. Trotz zahlreicher Querverweise und Steilvorlagen hat die Ethnologie bislang auffallend zögerlich auf das Angebot reagiert, sich innerhalb (oder aber gegenüber) dieser Debatte zu profilieren. Dabei erscheint gerade der fremdkulturell informierte Blick und der mitunter radikal-empirische Ansatz der visuellen Anthropologie dazu prädestiniert, die Eigen- und Besonderheiten bildlicher Wahrnehmung, Darstellung und Verbreitung auch und vor allem in ihrer kulturellen Dimension zu entfalten. Auch stellt sich die Frage, ob der iconic turn über die konkrete Befassung mit Bildern hinaus eine epistemologische Wende hin zur bildhaften Auffassung der Dinge eröffnet, sprich, ob hier eine paradigmatische Wende oder lediglich eine Hinwendung zu visuellen Thematiken im Sinne einer wissenschaftlichen Mode konstatiert werden kann (vgl. die Rezension von Karl-Heinz Kohl zu Doris Bachmann-Medick: „Cultural Turns“, Hamburg 2006, in FAZ, 03.11.06).
In jedem Fall erscheint es vielversprechend in diesem Zusammenhang auf entsprechende ethnologische Zugänge und Traditionen zu verweisen. Gehört es nicht seit geraumer Zeit zu den zentralen Anliegen des Faches, kulturelle Sachverhalte auch jenseits textueller Evidenzen und logozentrischer Denk- und Erklärungsmuster zu betrachten und zu begreifen? Ist der ethnologische Film nicht seit jeher darum bemüht, einer Disziplin der Worte neue Diskursformen zu erschließen? Umgekehrt erscheint es sinnvoll, Ansätze der neueren Bildwissenschaft als Anregung und Aufforderung zu begreifen, sich der Frage nach dem eigenen (ethnologischen?) Bild-Begriff zu stellen.
Die AG Visuelle Anthropologie möchte in ihrer Sektionssitzung dazu anregen, das aktuelle theoretische Fundament der Teildisziplin auszuloten und die Dialogfähigkeit mit benachbarten Fächern zu überprüfen. Wir bitten daher um die Meldung von Bild- und/oder Wortbeiträgen, die sich unabhängig von ihrem thematischen Schwerpunkt explizit zur allgemeinen bildwissenschaftlichen Debatte positionieren und/oder den Beitrag visuell-anthropologischer Ansätze zur ethnologischen Theorienbildung herausstellen.
Organisation
Frank Heidemann, Ludwig-Maximilians-Universität München, Institut für Ethnologie und Afrikanistik
Paul Hempel
Datum, Uhrzeit
Dienstag, 02.10.2007, 14:00-18:00 Uhr
Ort
Melanchthonianum, Hörsaal B
Vorträge & Abstracts
Martina Kleinert: Fotografie im Feld : ein „Yacht Inventory“ unter Weltumseglern als anwendungsbezogenes Beispiel
Die Produktion von bewegten und unbewegten Bildern, die Bilder selbst und ihre Rezeption stellen mittlerweile einen etablierten Forschungsgegenstand der Visuellen Anthropologie dar. Doch wie ist es um die Rolle des Bildes im Forschungsprozeß selbst bestellt? Welches Potential bieten Fotografie und Film im Feld?
Anhand eines aktuellen Forschungsprojektes über das Phänomen (spät)moderner Weltumsegelungen möchte ich […]
Regina Knapp, Wolfgang Davis: Bena Bena – Beispiele für einen multiplen iconic turn
Regina Knapp ist bis zu ihrem 6. Lebensjahr in Papua Neuguinea aufgewachsen und führt seit 1997 eine Feldforschung in der Provinz Bena im östlichen Hochland durch. Ihre Feldforschung ist unter anderem Teil ihres Promotionsvorhabens an der Australian National University in Canberra. Im Zuge ihrer Aufenthalte in Neuguinea haben sich die Kontakte in das Dorf […]
Urte Undine Frömming: Digital iconic turn. Über die Bedeutung globaler Digitalisierungsprozesse für die ethnologische Forschung und Theoriebildung
Bildwissenschaftler und Historiker stellten bereits fest, dass Texte auch Bilder sind (Sybille Krämer) und die Tatsache von „Bildern im Kopf” (Kittsteiner) den so genannten iconic turn sowieso fragwürdig macht. Mit der zunehmenden globalen Bedeutung der Digitalisierung von Bildern im letzten Jahrzehnt gibt es, wenn man so will, einen neuen turn: die digitale Wende […]
Kerstin Pinther: Architekturen der Migration. Migration der Architektur. Beispiele aus Kunst und Ethnologie
Die Ethnologie hat sich bislang kaum für urbane Architekturen afrikanischer Städte und damit verbundener Vorstellungen von „Heimat und Selbst” interessiert.
Temporäre Bauformen, die Wiederverwendung von Restmaterialien für architektonische Strukturen oder die Transformation einst kolonial implantierter Bauten durch lokale Akteure wurden allenfalls als Forschungsnotiz angeführt, die Kreativität der Stadtbewohner in Verbindung gebracht mit künstlerischen Praxen der […]Heinrich-Jürgen Middendorf: Tjitjingalla 4D. Simulation eines historischen Tanzes der Arrernte mit Hilfe virtueller Bildgebungsverfahren
Neben den ikonologischen und medien-historisch arbeitenden Bilddiskursen entwickelt sich eine kultursoziologische Bildwissenschaft, die die Wechselwirkungen zwischen Medium, Bild und Körper in den Mittelpunkt stellt (Taussig 1997, 1999, Morphy 1993, 1998, Belting 1990, 2001, MacDougall 1998, 2006). Jedoch trifft man kaum auf Forschungsprojekte, die die Möglichkeiten der neuen Bildgebungsverfahren auch gestalten und anwenden. Aus diesem […]
Thomas Reinhardt: Ordnungen der Sichtbarkeit und Authentizität der Simulakra: Anmerkungen zu einer Bildtheorie jenseits der fotografischen Referentialität
Bildliche Darstellungen des islamischen Heiligen Cheikh Ahmadou Bamba sind in Teilen des Senegal nahezu omnipräsent und werden in einer Vielzahl von Medien realisiert (Glas- und Wandmalereien, Skulpturen, Bildschirmschoner, Handydisplays, etc.). Fast alle Darstellungen des Cheikh gehen zurück auf eine Fotografie von etwa 1917, deren Negativ als verloren gilt und deren genaue Umstände im Dunkeln […]