DGV Tagung 2007

Blinde Flecken - Weite Felder. Der iconic turn als Herausforderung visuell-anthropologischer Forschung?

Workshop 18 | AG Visuelle Anthropologie

Kaum ein Fach hat es seit den Proklamationen des sogenannten iconic oder pictorial turn versäumt, die Frage nach dem Stellenwert von Bildern in der eigenen Disziplin zu verfolgen, wenn nicht einen eigenen Beitrag zur Bildfrage zu formulieren. In den letzten Jahren hat sich ein interdisziplinäres Netzwerk von Wissenschaftlern herausgebildet, das den vormals kunstzentrierten Bildbegriff kulturhistorisch, soziologisch, mitunter auch allgemein-anthropologisch zu erweitern sucht. Trotz zahlreicher Querverweise und Steilvorlagen hat die Ethnologie bislang auffallend zögerlich auf das Angebot reagiert, sich innerhalb (oder aber gegenüber) dieser Debatte zu profilieren. Dabei erscheint gerade der fremdkulturell informierte Blick und der mitunter radikal-empirische Ansatz der visuellen Anthropologie dazu prädestiniert, die Eigen- und Besonderheiten bildlicher Wahrnehmung, Darstellung und Verbreitung auch und vor allem in ihrer kulturellen Dimension zu entfalten. Auch stellt sich die Frage, ob der iconic turn über die konkrete Befassung mit Bildern hinaus eine epistemologische Wende hin zur bildhaften Auffassung der Dinge eröffnet, sprich, ob hier eine paradigmatische Wende oder lediglich eine Hinwendung zu visuellen Thematiken im Sinne einer wissenschaftlichen Mode konstatiert werden kann (vgl. die Rezension von Karl-Heinz Kohl zu Doris Bachmann-Medick: „Cultural Turns“, Hamburg 2006, in FAZ, 03.11.06).
In jedem Fall erscheint es vielversprechend in diesem Zusammenhang auf entsprechende ethnologische Zugänge und Traditionen zu verweisen. Gehört es nicht seit geraumer Zeit zu den zentralen Anliegen des Faches, kulturelle Sachverhalte auch jenseits textueller Evidenzen und logozentrischer Denk- und Erklärungsmuster zu betrachten und zu begreifen? Ist der ethnologische Film nicht seit jeher darum bemüht, einer Disziplin der Worte neue Diskursformen zu erschließen? Umgekehrt erscheint es sinnvoll, Ansätze der neueren Bildwissenschaft als Anregung und Aufforderung zu begreifen, sich der Frage nach dem eigenen (ethnologischen?) Bild-Begriff zu stellen.

Die AG Visuelle Anthropologie möchte in ihrer Sektionssitzung dazu anregen, das aktuelle theoretische Fundament der Teildisziplin auszuloten und die Dialogfähigkeit mit benachbarten Fächern zu überprüfen. Wir bitten daher um die Meldung von Bild- und/oder Wortbeiträgen, die sich unabhängig von ihrem thematischen Schwerpunkt explizit zur allgemeinen bildwissenschaftlichen Debatte positionieren und/oder den Beitrag visuell-anthropologischer Ansätze zur ethnologischen Theorienbildung herausstellen.

Organisation

Frank Heidemann, Ludwig-Maximilians-Universität München, Institut für Ethnologie und Afrikanistik
Paul Hempel

Datum, Uhrzeit

Dienstag, 02.10.2007, 14:00-18:00 Uhr

Ort

Melanchthonianum, Hörsaal B

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