DGV Tagung 2007

Ethnologische Geschlechterforschung: Marginalisierung und Relevanz in- und außerhalb der Disziplin

Workshop 04 | AG Ethnologische Geschlechterforschung

Die ethnologische Geschlechterforschung hat sich in den vergangenen Jahren mit wichtigen Themen der Sozial- und Kulturwissenschaften befasst. Beispiele sind Arbeiten zu so genannten alternativen Geschlechtsidentitäten, zu neuen Frömmigkeitsbewegungen bzw. zur Bedeutung von Religion als kulturellem Referenzsystem, zu nicht-westlichen Verwandtschafts- und Sozialbeziehungen, zu Migration und Transkulturalität oder zur Dekodierung des Körpers. All diese Forschungsstränge fordern hegemoniale Denkkonstruktionen heraus und nutzen, in bester ethnologischer Tradition, die Konfrontation mit dem Fremden zur Überprüfung eigener Paradigmen.

Trotz dieser positiven Befunde sind die ethnologischen Gender Studies innerhalb der Disziplin marginal geblieben, ist aus ihnen keine "große Theorie" hervorgegangen. Auch stellen sie, v. a. im deutschsprachigen Raum, immer noch ein nahezu ausschließlich "weibliches Terrain" dar, ist ihre Institutionalisierung bislang nicht gelungen.

Zu der Randständigkeit der Gender Studies im eigenen Fach kommt eine zunehmende Peripherisierung der Ethnologie. Ethnologische Beiträge werden auf interdisziplinären Konferenzen gerne als das exotische Andere konsumiert - für die Entwicklung generalisierbarer Prämissen oder umfassender Theorien werden sie jedoch als überflüssig erachtet. Im Vergleich zu den 1970er oder 1980er Jahren hat die ethnologische Geschlechterforschung einen enormen Bedeutungsverlust erfahren. Gender steht mittlerweile auf der Agenda aller internationalen Organisationen und spielt eine wesentliche Rolle bei der Transformation westlicher und nichtwestlicher Gesellschaften, doch ethnologisches Expertenwissen ist wenig gefragt. Dieses Dilemma liegt teilweise in der Ablehnung von Ethnologinnen begründet, sich politisch zu positionieren, ist andererseits aber auch der Kulturalisierung anderer Disziplinen geschuldet. Ethologen und Ethnologinnen haben sowohl ihr Kulturvermittlungsmonopol als auch den Status verloren, über eine besonders originäre Methode der Datenerhebung zu verfügen. Interkulturelle Kompetenzen werden heute selbst im BWL-Studium vermittelt, Politikwissenschaftlern und Soziologen halten sich ebenso lange im Ausland auf wie wir und die ethnographische Feldforschung wird mittlerweile von anderen Disziplinen als eigenen originäre Methode reklamiert.

Im Rahmen des Workshops werden Strategien zur Überwindung dieser doppelten Marginalisierung diskutiert. Dabei sollen, ausgehend von unterschiedlichen Forschungsfeldern, die Relevanz der ethnologischen Geschlechterforschung für die anthropologische Theorieentwicklung, die transdisziplinären Gender Studies und verschiedene Anwendungsbereiche ausgelotet sowie über wissenschaftspolitische Maßnahmen (Verankerung in den neuen B.A.- und M.A.-Studiengängen, Entwicklung neuer Förderinstrumente etc.) nachgedacht werden.

Organisation

Susanne Schröter; Universität Passau, Southeast Asian Studies

Datum, Uhrzeit

Dienstag, 02.10.2007, 14:00-18:00 Uhr

Ort

Melanchthonianum, Hörsaal XVI

Vorträge & Abstracts

  • Rita Schäfer: „Geschlechtsspezifische Gewalt – Herausforderungen für eine innovative ethnologische Maskulinitätsforschung“ (Fallbeispiel Südafrika)

    Südafrika ist Spitzenreiter in Gewaltstatistiken, dies betrifft insbesondere die geschlechtsspezifische Gewalt. Erklärungsansätze bietet die Auseinandersetzung mit Gender-Konstrukten und gewaltgeprägten Männlichkeitskonzepten. Dabei werden geschlechtsspezifische Gewaltformen als Machtphänomene erfasst und u.a. mit Race- und Class-Differenzen in Beziehung gesetzt. Hier geht es also um die Interdependenzen zwischen Geschlechterhierarchien und anderen übergreifenden Distinktionskategorien sowie daraus resultierenden Machtverhältnissen. Meine […]

  • Susanne Rodemeier: Verkaufte Tochter - gekaufte Braut. Überlegungen zum Geschlechterverhältnis auf Pura in Ostindonesien

    Marcel Mauss bezeichnet das Mythische als ein „totales soziales Phänomen”, das untrennbar alle Aspekte des Lebens thematisiert. Eine Bestätigung dieser Einschätzung findet sich auch in christlichen Dörfern auf der Insel Pura in Ostindonesien. In Form eines Mythos wird das Schicksal von Frauen in einer Brautpreisgesellschaft thematisiert. Neueste Untersuchungen über das Alltagsleben von Frauen und […]

  • Susanne Schröter: Gender Studies als Kulturkritik

    In diesem Vortrag soll das Thema des Call for Papers vertieft und herausgearbeitet werden, welche Ansätze einer kritischen Kulturtheorie in jüngster Zeit aus den Gender Studies hervorgegangen sind und wie diese theoretischen Arbeiten für die ethnologische Geschlechterforschung produktiv umgesetzt werden können. Dabei soll der Versuch unternommen werden, den populären Begriff der „Agency” in Relation […]

  • Gabriele Herzog-Schröder: Bericht über einen interdisziplinären Workshop zum kulturanthropologischen Status des Begriffs „Fruchtbarkeit“

    Die Begriffe „Fruchtbarkeit”, „Nachkommenschaft” oder „Fortpflanzung” erscheinen heute merkwürdig unzeitgemäß, ja altertümlich. Sie lösen Unbehagen aus, da unsere gesellschaftlich akzeptierte Perspektive auf Lebensprozesse unter dem Diktat der Kontrolle unterworfen ist.
    Paradox dazu verhält sich die „Krise der Reproduktion” hierzulande. Die Krise wird allerdings begrenzt wahrgenommen und öffentlich lediglich in Bezug auf ihre praktischen Auswirkungen diskutiert, […]

  • Sophia Thubauville: Nach Sonnenaufgang… Frauenwelten und Kultureller Wandel in Maale/ Südäthiopien

    Ein Sprichwort der Maale heißt wie folgt: „Nach Sonnenaufgang, kehrt die Sonne nicht mehr um, um dort unterzugehen wo sie aufging. Ein Kind nennt seinen Vater nicht „mein Kind”.”
    Dieses Sprichwort verbildlicht nicht nur den Lauf der Dinge und die Normen einer Kultur, sondern auch den kulturellen Wandel, der in Maale rapide vorangeht. Wie die […]

  • Ursula Münster: Gender Studies in Indien: eine Standortbestimmung

    Der Vortrag soll einen Überblick über aktuelle Themen und theoretische Entwicklungen der ethnologischen (wobei die disziplinäre Zuordnung zunehmend an Relevanz verliert) Gender-Studies in Indien geben. Ziel ist es, die wichtigsten Impulse der ethnographischen Gender-Literatur für die postkoloniale Ethnologie Indiens zu diskutieren. Unter dem Einfluss der Subaltern Studies, postkolonialer Theorie und feministischer Geschichtsschreibung hat sich […]

  • Karin Klenke: Geschlecht – und sonst noch etwas?

    Zu Beginn der ethnologischen Geschlechterforschung traten Frauen in den Fokus der Aufmerksamkeit. Mit der Entwicklung des sex-gender-Modells und einem relationalen Verständnis von Geschlecht wurde auch Männlichkeit zu einem - zumindest theoretisch - interessanten Phänomen. In den letzten Jahren hat die gender-Forschung den Faktor Geschlecht zunehmend kontextualisiert. Dazu beigetragen hat nicht zuletzt die Kritik Schwarzer […]

  • Irina Schmitt: „Ich wollte immer ein Junge sein“ – Zur Herstellung von Gender-Geschlecht-Sexualität in der Forschung mit Jugendlichen

    Der Schwerpunkt der Hinterfragung binärer Geschlechterkonstruktionen lag lange primär auf der Untersuchung ‚anders’, also nicht-heteronormativ vergeschlechtlichter Personen (Boellstorff 2007; Rubin 1993; Blackwood 1985). Zunehmend werden jedoch auch methodologische Fragen diskutiert und analysiert, inwieweit im Forschungsvorgang selbst die untersuchten ‚Kategorien’ hergestellt werden (Atlas 2000; Lewin/Leap 2002).
    In meiner Feldforschung mit Jugendlichen an einem Schulzentrum in der […]

  • Cordula Dittmer: Der Blick der Soziologin auf das Feld: Gender Studies, Ethnologie und disziplinäre Herausforderungen

    Feministische/gendersensible Ansätze stellen in der Soziologie in Teilbereichen immer noch eine Seltenheit dar, in anderen Bereichen scheinen sie im Mainstream angekommen, bzw. ist die Frauen- und Geschlechterforschung als eigenständige Institution recht gut etabliert. Zugleich entsteht jedoch der Eindruck, dass zwar mittlerweile in vielen Sammelbänden, Einführungswerken etc. ein „Quoten-Gender-Aufsatz” vertreten ist, zugleich jedoch das […]