DGV Tagung 2007

Kognitive Ethnologie – quo vadis?

Workshop 13 | AG Kognitive Ethnologie

Kognitionen sind ein zentraler Bestandteil im Alltagsleben jeder Kultur: Ohne Lernprozesse kann nichts tradiert werden; Glaubens- und Überzeugungsinhalte sind mental repräsentiert und Gegenstand von Denkprozessen; Werte und Normen richten Aufmerksamkeit auf bestimmte Verhaltensweisen, können motivational wirken und Emotionen auslösen. Kognitionen werden durch Kultur aber auch geformt, denn sie verarbeiten Inhalte, die kulturell bedeutsam sind, und tun dies auf eine Weise, die häufig kulturell organisiert ist. Diese Verflechtungen zwischen Kultur und Kognition umfassen ein breites Spektrum an Themen, von der Organisation biologischen Wissens über Argumentationsweisen bei Landrechtsfragen bis hin zu kulturellen Modellen der Navigation.

Unser Workshop verfolgt drei Ziele: Er soll den Mitgliedern der AG Kognitive Ethnologie Gelegenheit bieten, sich selbst und ihre Forschungsinteressen vorzustellen. Darüber hinaus soll durch diese Vorträge auch ein Überblick über das breite Spektrum aktueller kognitionsorientierter Forschung gegeben werden, um so die Grundlage für einen regen Austausch zu schaffen und Perspektiven für eine mögliche Zusammenarbeit aufzuzeigen. Und schließlich soll auch, über den engeren Kreis der Mitglieder hinaus, bei einem breiteren Publikum Interesse an diesen Fragestellungen geweckt werden.

Organisation

Andrea Bender; Freiburg, Institut für Psychologie

Datum, Uhrzeit

Mittwoch, 03.10.2007, 14:00-18:00 Uhr

Ort

Melanchthonianum, Hörsaal XIX

Vorträge & Abstracts

  • Marie-France Chevron: Rolle der Kognition im kulturellen Prozess

    Bastian, der Begründer der deutschen Ethnologie, fasste die Ethnologie als naturwissenschaftliche Psychologie auf, aber mit dieser Bezeichnung wollte er vor allem auf die Notwendigkeit eines interdisziplinären Zugangs hinweisen. Er sah die Kognition als evolutionären Vorgang und Ergebnis einer zunehmenden Rationalisierung. So entstand eine Metatheorie der kulturellen Entwicklung, wobei sein Erklärungsansatz sowohl die universellen allgemeinmenschlichen […]

  • Birgitt Röttger-Rössler: Ethnologie und Neurowissenschaft: Ein sinnvoller Dialog?

    Innerhalb der letzten Jahre sind die Neurowissenschaften zunehmend in den Mittelpunkt des akademischen sowie allgemeinen Interesses gerückt. Der Grund hierfür liegt darin, dass die Neurowissenschaften beanspruchen, die neuronalen Grundlagen des menschlichen Denkens und Fühlens, des Bewusstseins und Gedächtnisses, des Willens und des Selbst, der Sprache, Musikalität und Ästhetik, ja selbst der Religiosität in […]

  • Annelie Rothe: Tonganische und deutsche Emotionsbegriffe – ihre Gruppierungen, Bewertungen und Dimensionen

    In unserem täglichen Leben und besonders in Beziehungen zu anderen sind Emotionen von zentraler Bedeutung. Sie beeinflussen das Zusammenleben, den Umgang mit Erlebnissen und letztlich auch das eigene Selbstverständnis. In wieweit die Begriffe und Konzepte für einzelne Emotionen und deren Bewertung kulturspezifisch sind, wurde in einem interdisziplinären Forschungsprojekt untersucht. In Tonga und Deutschland wurden […]

  • Sieghard Beller: Der Kniff mit der 20: Kognitive Implikationen spezifischer Zahlsysteme in Polynesien

    Im traditionellen Tonganisch finden sich fünf verschiedene Zahlsysteme: ein allgemeines, dezimales und vier spezifische mit gemischter Basis, obligatorisch für bestimmte Objekte. Auffällig ist dabei, dass es Zahlworte für sehr hohe Zahlen gibt und die 20 eine besondere Rolle spielt. Ähnliche Besonderheiten finden sich in vielen polynesischen und mikronesischen Systemen. Daraus wurde manchmal gefolgert, die […]

  • Christoph Antweiler: Situiertes Wissen, Universalität und der emische Ansatz

    Die Kognitionsethnologie ist in mehrfacher Weise polarisiert. Erstens spannt sie den Bogen zwischen kulturspezifischer Kognition und regionalspezifischen „Modes of Thought“ und universalmenschlichen Mustern des Denkens. Zum zweiten sind kognitionsethnologische Studien zu „lokaler Kognition“ zumeist stark forschungsorientiert, während die Studien zu „lokalem Wissen“ fast sämtlich im Feld der Entwicklungszusammenarbeit angesiedelt und damit anwendungsorientiert sind. […]

  • Alexander Loch: Die Erfassung von Identität mittels Feldexperimenten – methodische Grenzerfahrungen am Rande Südostasiens

    Das Design der herbeigeführten Situationen war im dritten Feldforschungsjahr auf Osttimor schlicht, doch innovativ: Mittels des Stoneman-Experiments wurde quantitativ zu verifizieren versucht, was sich zuvor bereits qualitativ in biographischen Interviews mit den Bewohnern der Insel abgezeichnet hatte, nämlich vor allem eine durch drei Dimensionen (Katholizismus, Tradition & Moderne) determinierte Identitätsstruktur. Angesichts einer Analphabetenrate von […]

  • Julia Eksner: From Cultures of Optimism to Positive Determinism: The Cultural Nature of Cognitive Schemata for Self-Regulation

    This paper centrally discusses the cultural nature of cognitive schemata for selfregulation. I focus on “Positive Determinism”, a self-regulatory mental model based on faith and optimistic beliefs, in which control is relinquished. Positive Determinism describes a particular kind of mental model of how the world works, that is in a benevolent and orderly manner. […]

  • Oliver Kress: Erkenntnistheoretische Überlegungen zum Verstehen fremden Denkens

    Aus der genetische Erkenntnistheorie von Jean Piaget und der Tatsache, dass der Mensch ein Säugetier ist, werden zwei Gegensatzpaare hergeleitet: dualistisch – nicht dualistisch sowie indirekte Bedürfnisbefriedigung (Seelenkonzept) – direkte Bedürfnisbefriedigung (Ablehnung des Seelenkonzeptes). Aus den beiden Gegensatzpaaren wird eine Landkarte der vier potentiellen menschlichen Denkformen bzw. Kulturformen aufgespannt. Den vier Feldern können als […]

  • Kira Eghbal-Azar: Echte Interdisziplinarität in der Kognitiven Ethnologie am Beispiel des Konzepts “Kulturelles Gedächtnis”

    Wie kein anderer Forschungsgegenstand erfreut sich das Thema “Gedächtnis” der interdisziplinären Diskussion und Forschung. In meiner Examensarbeit “Gedächtnis und Erinnerungen: Eine Studie am ‚Museum and Art Gallery of the Northern Territory’ Darwin, Australien” beleuchtete ich selbst das Thema aus psychologischer und kulturwissenschaftlicher Sicht.
    Dabei stieß ich auf ein Streitgespräch in der Zeitschrift “Erwägen, Wissen, Ethik” […]