DGV Tagung 2007

„Resettlement“ Projekte in Afrika - vergleichende Perspektiven zur Aneignung von neuen Lebensräumen

Workshop 19

Resettlement ist seit den 1950er Jahren zu einer zentralen Strategie der Entwicklungsplanung geworden. Menschen wurden umgesiedelt um Dämmen, Naturreservaten und kommerziell orientierten landwirtschaftlichen Großbetrieben Platz zu schaffen oder um im Namen forcierter Entwicklung in zentralen Dörfern, in ökologisch vorteilhafteren vielleicht auch nur weniger dicht besiedelten Zonen angesiedelt zu werden. In Afrika waren es vor allem Dammprojekte (Aswan, Ägypten c. 100.000, Cabora Bassa, Mozambique 25.000, Kainji, Nigeria 44.000, Kariba, Zambia und Zimbabwe, Koussou, Elfenbeiküste 75.000, Akosombo, Ghana 80.000, Hamdab, Sudan geplant 60-80.000; daneben zahlreiche „kleinere“ Staudammprojekte) und landwirtschaftliche Ansiedlungsprogramme (Äthiopen 5-12 Mio, Tansania c. 5 Mio) die im großen Stile Umsiedlungen von Bevölkerungen mit sich brachten. Daneben wurden Bevölkerungen für Nationalparks, Stadtsanierungen und militärische Projekte häufig ebenfalls in großem Stil umgesiedelt. Seit den wegweisenden vergleichen Arbeiten Scudders und Colsons, die in einer Langzeitbeobachtung der sozialen Konsequenzen des Kariba Damms ihren Ausgang hatten und in zahlreichen vergleichenden Arbeiten mündeten, sind zahlreiche weitere sozial- und kulturwissenschaftliche Studien zu der Thematik publiziert worden (Cernea, de Wet, Downing). Das Vier-Stufen Model Scudder/Colons hat dabei weiterhin den großen Reiz, dass es den Reaktionen und Strategien der Betroffenen besonderen Raum gibt. Für unseren Workshop von besonderem Interesse sollen dabei die von Scudder und Colson postulierten Stufen II und III sein. In der Stufe II, Adjustment and Coping benannt, findet die Eingewöhnung in ein neues Habitat statt. Der Lebensstandard der betroffenen Bevölkerung sinkt in der Regel. Die Gemeinschaft ist bemüht als Kernelemente des vergangenen sozial-ökologischen Systems identifizierte Epistemeologien, Praktiken und Institutionen in den neuen Lebensraum zu übertragen. In der dritten Phase findet dann die eigentliche Aneignung des neuen Lebensraumes statt. Informationen und individuelle Erfahrungen über den neuen Lebensraum werden in Formen lokalen, konsensbasierten Wissens überführt. Neue Institutionen werden generiert, die unmittelbar auf neue Anforderungen des Produktionssystems und der Umwelt reagieren. Der Workshop möchte insbesondere Beiträge zu diesen beiden Phasen der Postumsiedlungsphase intensiv anhand verschiedener Fallbeispiele zu beleuchten. Es soll somit ein Beitrag zur vergleichenden Forschung zur Reorganisation sozialer, ökonomischer und ideeler Reorganisation infolge des Verschwindens/Entzugs des vormaligen Lebensraums geleistet werden.

Organisation

Kurt Beck; Universität Bayreuth, Ethnologie
Michael Bollig; Universität Köln, Institut für Völkerkunde

Datum, Uhrzeit

Dienstag, 02.10.2007; 14:00-18:00 Uhr

Ort

Melanchthonianum, Hörsaal XXI

Vorträge & Abstracts

  • Cathrin Horstmann: Umsiedlungserfahrungen aus Baadawwaachcho (Hadiyya), Südäthiopien: Berichte aus der ethnographischen Werkstatt

    Während der großen Dürrezeit Äthiopiens in den 1980er Jahren liess das sozialistische Regime des Landes (Amharisch: Derg) in diversen Regionen massive Umsiedlungsmaßnahmen durchführen, von denen mehrere Hunderttausend Personen betroffen waren. Siedler aus dem Baadawwaachcho-Woreda in Südäthiopien wurden damals in Umsiedlungslager (Amharisch: Sefera) der Regionen Gojjam und Illubabor in Nordwest- und Südwest-Äthiopien überführt. Meist mussten […]

  • Valerie Hänsch: Umsiedlung und Place Attachment

    Für Umzusiedelnde bedeutet der Ortswechsel nicht nur die existentielle Erfahrung des Verlusts der Lebensgrundlage. Äußerungen der Manasir, Bewässerungsbauern am Nil im Nordsudan, die aufgrund eines Staudammbaus kurz vor der Umsiedlung (August 2008) ins Zentrum des Niltals stehen, machen deutlich, dass es vor allem um die Frage geht, wie lebenswert die neuen Siedlungsgebiete sind, das […]

  • Michael Bollig: After resettlement. Ethnologische Perspektiven auf Resettlement Programme in Afrika (Namibia, Südafrika)

    In den politischen Debatten Südafrikas und Namibias spielt die Landfrage eine herausragende Rolle. In beiden Staaten ist die Verteilung von kommerziellen Großfarmbetrieben an Kleinbauern wichtiger Bestandteil der Regierungsprogramme, um einerseits zu einer gerechten Verteilung von Land, andererseits aber auch zu einer Lösung der Armutsfrage zu gelangen. Von verschiedenen politischen Lagern wird betont, dass die […]

  • Kurt Beck: Ersäufen wie die Ratten! Der Merowe Hydroelectric Power Dam im Sudan und die Manasir

    Der Staudamm am 4. Nilkatarakt bei Hamdab, auch als Merowe Hydroelectric Power Plant bekannt, ist derzeit das größte Staudammvorhaben in Afrika. Rund 80 000 der nilauf lebenden Bewässerungsbauern, der ethnischen Zugehörigkeit nach hauptsächlich Shaiqiyya und Manasir, müssen dem geplanten Stausee weichen, respektive sind bereits zwangsumgesiedelt worden. Dies hat zu blutigen Konflikten geführt. Denn während […]