Workshop 5 | AG Medien und Öffentlichkeit
Der Vorteil einer ethnologischen Befassung mit Medien liegt darin, dass alle Welt über sie redet. Doch die Diskurse über „die Medien“, die landläufigen wie die akademischen, verwenden dabei einen Plural, der genau genommen keiner ist. „Die Medien“ werden häufig als eine Macht verstanden, amorph und ubiquitär, die auf die Vereinheitlichung der Welt im Zeichen von Kommerz und Kontrolle zustrebt. So oder ähnlich lauten viele Befürchtungen. Seit einigen Jahren versuchen die Medienethnologie und ihr verwandte Nachbardisziplinen, dem so belasteten Begriff der Medien das Konzept der Medienkulturen entgegenzusetzen, das diese Implikationen vermeidet.
Doch was sind Medienkulturen, wie konstituieren und wie verändern sie sich? Und stehen hierbei bestimmte Personen, Gruppen, Technologien, Praktiken oder mediale Routinen im Vordergrund? Ein zentraler Aspekt bei der Erörterung dieser Frage ist die nach dem Wissen, das Medienkulturen akkumulieren, speichern, weitergeben. Medienkulturen als Wissenskulturen zu betrachten, heißt, über all zu eng gefasste Determinismen hinaus ihre Charakteristika in ihren spezifischen kollektiven Wissensbeständen zu suchen.
Die Arbeit in und über Medienkulturen stellt die Medienethnologie und ihr benachbarte Disziplinen vor eine Reihe von neuartigen Forschungsproblemen und Streitfragen, die ihre Forschungspraxis ebenso berühren wie ihre Theoriebildung. Das Thesenpapier des DGV-Vorstands identifiziert u.a. die Debatten um kulturelles Copyright und medial zirkulierende Selbstdarstellungen der von der Ethnologie untersuchten Kulturen, die Veränderung der Untersuchungsgegenstände, die Entstehung neuer Empirieformen, der Verlust von Fremdheitserfahrung und sich massiv verändernde Bedingungen sozial- und kulturwissenschaftlicher Forschung. Wie tiefgreifend sind diese Wandelsprozesse tatsächlich? Was kann die Ethnologie mit ihren klassischen Werkzeugen, mit ihren Begriffen wie Verwandtschaft und Ritual und mit ihren Methoden der Feldforschung, der allgemeinen Wahrnehmung dieser Prozesse als Fragmentierung der Welt entgegensetzen? Wie positioniert sie sich zu ihren Nachbardisziplinen? Und schließlich: wie wichtig ist in all dem noch eine ForscherInnenpersönlichkeit?
Angefragte Gäste:
- John Postill, Sheffield
- Ian Dent, Cambridge
- Filipe Reis, Lissabon
Organisation
Cora Bender; Universität Bremen, Institut für KulturwissenschaftDatum, Uhrzeit
Mittwoch, 03.10.2007, und Donnerstag, 04.10.2007, jeweils 14:00-18:00 Uhr
Ort
Melanchthonianum, Hörsaal A
Vorträge & Abstracts
Thorolf Lipp und Martina Kleinert: Utopie einer „Medienkultur des Wissens“: Mediale Vermittlung des UNESCO „Intangible Heritage“ und die Rolle der Ethnologie
Die UNESCO hat seit dem Jahr 2000 ein Programm entwickelt, durch das „immaterielle Formen kulturellen Ausdrucks” und „kulturelle Räume” beispielhaft unter Schutz gestellt werden. Das meist kurz „Intangible Heritage” genannte Programm ist als Ergänzung zum bereits bestehenden Welterbeprogramm gedacht und soll herausragende Kulturleistungen, gerade auch von nicht-westlichen Gesellschaften, würdigen. Zum immateriellen Erbe gehören Sprachen, […]
Ian Dent: Scientific Information in the Digital Age: How accessible should publically funded Science be? A Media Anthropology Perspective
An announcement by the EU (Brussels, February 2007) as part of the i2010 ‘Strategy for the Information Society’, noted that within the context of an ongoing initiative to archive Europe’s ‘cultural heritage’, all publically funded science (including the social sciences) will be required to allow shared access within e-collaborations to ongoing, unpublished data through […]
John Postill : The elements of media: a field theoretical exploration
This paper ties together two strands of media anthropological research: the study of fields of media production on the one hand (Dornfeld, Pedelty, Moeran), and the circulation of discrete media elements such as radio sets or ‘small genres’ on the other (Spitulnik, Skuse, Postill). The ethnographic case study is drawn from my own recent […]
Tilo Grätz: Zum Wandel von lokalen Medienkulturen am Beispiel Benins
Mein Beitrag beschreibt Prozesse der Medienaneignung sowie der Veränderungen von Öffentlichkeiten in Afrika unter dem Einfluss von expandierenden neuen und alten Medien, von Medienkonversion sowie politischer Liberalisierung. Am Fallbeispielen aus der Republik Benin wird dabei der Frage nachgegangen, inwiefern es zur Rekombination medialer Praxen oder gar zu Innovationen im Bereich medial vermittelter Informations- und […]
Elke Mader: Mythen und Medien
Der Vortrag beschäftigt sich mit der Schnittstelle von Mythen, Imaginationen, globalen Prozessen und Medien; er thematisiert den Raum von Mythen unter Konditionen der Globalisierung in Hinblick auf Berührungspunkte mit dem Konzept der „mediascapes” als Modell für Konfigurationen von Bedeutung in einer globalen kulturellen Ökonomie im Sinne von Arjun Appadurai. Die Definition der Wirkungsweisen von […]
Birgit Bräuchler: Transformation der Gesellschaft durch Transformation der Medien? Vom Krieg zum Frieden in den Molukken, Ostindonesien
The rise of the new media has transformed local conflicts into global spectacles: images of conflicts from all over the world are brought right into the users’ homes, be it on TV or the Internet, in the newspaper or on the radio. Media are agents of war influencing and transforming conflicts through the way […]
Jeanine Dagyeli and Sophie Roche: For the fear of afterlife - Islamic videos in Tajikistan
Video CDs with Islamic contents are widespread in Tajikistan. They are relatively easy to access and are circulated within peer groups, families or mosque communities, although most of them are labelled illegal by the government. We have analyzed more than 20 of these videos. They can roughly be divided into three categories:
mavlud: preaching of […]