Workshop 14 | AG Migration, Multikulturalität und Identität
Die ethnologische Forschung hat sich während des letzten Jahrzehnts vielfach von der stationären Feldforschung gelöst und sich, oftmals aus pragmatischen Gründen, multilokalen Forschungsverfahren zugewendet. Zwar haben viele EthnologInnen in diesem Zuge Erfahrungen mit der Methode der multi-sited ethnography gemacht, allerdings sind die methodologischen und theoretischen Implikationen dieses Vorgehens für die Ethnologie und deren Gegenstände insgesamt noch wenig ausgelotet. In der Veränderung der methodologischen Perspektive liegt aber, wie insbesondere die ethnologische Migrationsforschung gezeigt hat, Potenzial zu theoretischer Innovation. So wurde etwa die Entwicklung des Transnationalismusansatzes und dessen zentraler Konzepte wie „transnationaler Raum“ oder „simultaneous incorporation“ durch die multi-lokalen Forschungserfahrungen der EthnographInnen entscheidend inspiriert.
Der theoretische Bezugspunkt der Diskussion, die dieser Workshop initiieren soll, ist das für die multi-sited ethnography zentrale Verhältnis von Ordnung, Grenze und Grenzüberschreitung. In dieser Hinsicht ist insbesondere die Ambivalenz der Grenzüberschreitung für die überschrittenen Ordnungen hervorzuheben. So kann Transgression einerseits Ordnungen und deren Grenzen transformieren oder andererseits, wie etwa die ethnologische Forschung zu cross-cutting ties oder long distance nationalism gezeigt hat, gerade zur Stabilisierung der jeweiligen Ordnungen beitragen, die durch die Überschreitungen verbunden werden. Staaten, moderne Organisationen oder ethnische Netzwerke, aber auch Geschlechtsidentitäten, kulturelles Wissen etwa über Medizin und Heilung, oder Rechtssysteme sind nur einige von vielen Fällen, für die das Verhältnis von Grenze, Ordnung und Grenzüberschreitung von zentraler Bedeutung ist. Explizit wollen wir daher Beiträge aus Bereichen diesseits und jenseits der Migrationsforschung einladen, die das Verhältnis zwischen methodologischem Stellenwert der Grenzüberschreitung (im Rahmen der multi-sited ethnography) und theoretischen Innovationen für die Ethnologie und Kulturwissenschaften thematisieren oder problematisieren. Mögliche Fragen, die im Hinblick auf die beiden genannten Aspekte von Bedeutung sind, wären:
Wie verändert sich das theoretische Verständnis von sozialen und kulturellen Phänomenen aus einer methodologischen Perspektive, die Grenzüberschreitung und Multilokalität akzentuiert?
Was ist der analytische Gegenstand einer multilokalen Ethnografie: Gruppe? Netzwerk? Kultur? Gesellschaft? Multilokales Ereignis? Und: Wie konstituieren sich diese Untersuchungseinheiten im Wechselspiel von Ordnung, Grenze und Grenzüberschreitung?
Welche Auswirkungen hat die Multilokalität der Forschung auf das erlangte empirische Wissen?
Wo zeichnen sich Grenzen der multi-sited ethnography ab? Was sind ihre epistemologischen blinden Flecken und methodologischen Beschränkungen?
Organisation
Cordula Weißköppel; Bremer Institut für Kulturforschung
Boris Nieswand; Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung
Datum, Uhrzeit
Dienstag, 02.10.2007, 14:00-18:00 Uhr
Ort
Melanchthonianum, Hörsaal D
Programm
- 14.00-14.30 C. Weißköppel und B. Nieswand: Theoretische durch methodologische Grenzüberschreitungen? Eine Einleitung zum Workshop
- 14.30 – 14.55 B. Nieswand: Multi-sited ethnography und die Ethnologie sozialer Ungleichheit
- 14.55 – 15.15 Peer comment durch L. da Fonseca und Diskussion
- 15.15 – 15.40 H. Dorsch und M. Scholze: Grenzüberschreitende Griots und Tuareg im Tourismus - Erfahrungen mit multi-sited und mobiler Forschung
- 15.40 – 16.00 Peer comment durch A. Koensler und Diskussion
- Kaffee- und Teepause
- 16.30 – 16.55 Alex Koensler: Ein Hauch von Babel. Ethnographisches Patchwork: Aktivisten, NGO's und Journalisten um ein mehrfach abgerissenes Beduinendorf im israelischen Negev
- 16.55 – 17.15 Peer comment durch C. Weißköppel und Diskussion
- 17.15 – 17.40 L. da Fonseca: Plastination – Körperwelten – Körperhandel: Eine Technologie und seine weltweiten Auswirkungen
- 17.40 – 18.00 peer comment durch H. Dorsch/M. Scholze und Diskussion
- Abschließende Diskussion: Moderation B. Nieswand
- 19 – 20 Uhr Mitgliederversammlung der AG
Vorträge & Abstracts
Boris Nieswand: Multi-sited ethnography und die Ethnologie sozialer Ungleichheit
Die von mir in Ghana und Deutschland durchgeführte multi-lokale Feldforschung vermittelte mir eine lebensweltliche Grunderfahrung ghanaischer Migranten, die mein theoretisches Verständnis der untersuchten Phänomene nachhaltig beeinflusste.
Lohn- und Kaufkraftdifferenzen zwischen Westeuropa und Westafrika ermöglichen es vielen ghanaischen Migranten mittels Beschäftigungen im Niedriglohnsegment des deutschen Arbeitsmarktes materielle Evidenzen eines Mittelklassestatus im Herkunftsland zu schaffen. Das Problem, […]
Marko Scholze und Hauke Dorsch: Grenzüberschreitende Griots und Tuareg im Tourismus - Erfahrungen mit multi-sited und mobiler Forschung
Seit etwa einem Jahrzehnt werden in der Ethnologie Fragen zu Möglichkeiten multilokaler und mobiler Formen der Feldforschung diskutiert. Um dem Mangel expliziter Reflexion der empirischen Praxis und der konkreten Erfahrungen mit diesen neuen Methoden entgegenzutreten, gehen wir in diesem Paper Fragen nach Grenzen und Möglichkeiten multilokaler und mobiler Feldforschung als Ergänzung zur traditionellen ethnographischen […]
Alex Koensler: Ein Hauch von Babel. Ethnographisches Patchwork: Aktivisten, NGO’s und Journalisten um ein mehrfach abgerissenes Beduinendorf im israelischen Negev
Im israelischen Negev brennen Spannungen zwischen einem Teil der arabischen Beduinenbevölkerung und dem Staat, in dessen Zentrum Zivil- und Landrechte stehen. Das führt nicht nur zu Phänomenen wie dem gelegentlichen Abriss nicht genehmigter Bauten, sondern vor allem zu einer polarisierenden Rhetorik aus gegenseitigen Bedrohungsszenarien.
Hier möchte ich die Fallstudie eines so genannten “nicht anerkannten” Beduinendorfes […]
Liselotte Hermes da Fonseca: Plastination - Körperwelten - Körperhandel: Eine Technologie und seine weltweiten Auswirkungen
1995 wurde eine anatomische Ausstellung - mit echten menschlichen Körpern, die durch die in Deutschland erfundene Technologie der Plastination konserviert worden waren - in Japan gezeigt. Der Erfolg war immens und führte 1997 zu der ersten großen Ausstellung, den „Körperwelten” (in Deutschland). Seit dem tourt nicht nur diese Ausstellung weltweit (es sind mittlerweile drei […]