DGV Tagung 2007

Grenzüberschreitungen – die Implikationen der multi-sited ethnography für die Ethnologie und ihre Gegenstände

Workshop 14 | AG Migration, Multikulturalität und Identität

Die ethnologische Forschung hat sich während des letzten Jahrzehnts vielfach von der stationären Feldforschung gelöst und sich, oftmals aus pragmatischen Gründen, multilokalen Forschungsverfahren zugewendet. Zwar haben viele EthnologInnen in diesem Zuge Erfahrungen mit der Methode der multi-sited ethnography gemacht, allerdings sind die methodologischen und theoretischen Implikationen dieses Vorgehens für die Ethnologie und deren Gegenstände insgesamt noch wenig ausgelotet. In der Veränderung der methodologischen Perspektive liegt aber, wie insbesondere die ethnologische Migrationsforschung gezeigt hat, Potenzial zu theoretischer Innovation. So wurde etwa die Entwicklung des Transnationalismusansatzes und dessen zentraler Konzepte wie „transnationaler Raum“ oder „simultaneous incorporation“ durch die multi-lokalen Forschungserfahrungen der EthnographInnen entscheidend inspiriert.

Der theoretische Bezugspunkt der Diskussion, die dieser Workshop initiieren soll, ist das für die multi-sited ethnography zentrale Verhältnis von Ordnung, Grenze und Grenzüberschreitung. In dieser Hinsicht ist insbesondere die Ambivalenz der Grenzüberschreitung für die überschrittenen Ordnungen hervorzuheben. So kann Transgression einerseits Ordnungen und deren Grenzen transformieren oder andererseits, wie etwa die ethnologische Forschung zu cross-cutting ties oder long distance nationalism gezeigt hat, gerade zur Stabilisierung der jeweiligen Ordnungen beitragen, die durch die Überschreitungen verbunden werden. Staaten, moderne Organisationen oder ethnische Netzwerke, aber auch Geschlechtsidentitäten, kulturelles Wissen etwa über Medizin und Heilung, oder Rechtssysteme sind nur einige von vielen Fällen, für die das Verhältnis von Grenze, Ordnung und Grenzüberschreitung von zentraler Bedeutung ist. Explizit wollen wir daher Beiträge aus Bereichen diesseits und jenseits der Migrationsforschung einladen, die das Verhältnis zwischen methodologischem Stellenwert der Grenzüberschreitung (im Rahmen der multi-sited ethnography) und theoretischen Innovationen für die Ethnologie und Kulturwissenschaften thematisieren oder problematisieren. Mögliche Fragen, die im Hinblick auf die beiden genannten Aspekte von Bedeutung sind, wären:

Wie verändert sich das theoretische Verständnis von sozialen und kulturellen Phänomenen aus einer methodologischen Perspektive, die Grenzüberschreitung und Multilokalität akzentuiert?

Was ist der analytische Gegenstand einer multilokalen Ethnografie: Gruppe? Netzwerk? Kultur? Gesellschaft? Multilokales Ereignis? Und: Wie konstituieren sich diese Untersuchungseinheiten im Wechselspiel von Ordnung, Grenze und Grenzüberschreitung?

Welche Auswirkungen hat die Multilokalität der Forschung auf das erlangte empirische Wissen?

Wo zeichnen sich Grenzen der multi-sited ethnography ab? Was sind ihre epistemologischen blinden Flecken und methodologischen Beschränkungen?

Organisation

Cordula Weißköppel; Bremer Institut für Kulturforschung
Boris Nieswand; Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung

Datum, Uhrzeit

Dienstag, 02.10.2007, 14:00-18:00 Uhr

Ort

Melanchthonianum, Hörsaal D

Programm

  • 14.00-14.30   C. Weißköppel und B. Nieswand:   Theoretische durch methodologische Grenzüberschreitungen? Eine Einleitung zum Workshop
  • 14.30 – 14.55   B. Nieswand:   Multi-sited ethnography und die Ethnologie sozialer Ungleichheit
  • 14.55 – 15.15   Peer comment durch L. da Fonseca und Diskussion
  • 15.15 – 15.40   H. Dorsch und M. Scholze:   Grenzüberschreitende Griots und Tuareg im Tourismus - Erfahrungen mit multi-sited und mobiler Forschung
  • 15.40 – 16.00   Peer comment durch A. Koensler und Diskussion
  • Kaffee- und Teepause
  • 16.30 – 16.55   Alex Koensler:   Ein Hauch von Babel. Ethnographisches Patchwork: Aktivisten, NGO's und Journalisten um ein mehrfach abgerissenes Beduinendorf im israelischen Negev
  • 16.55 – 17.15   Peer comment durch C. Weißköppel und Diskussion
  • 17.15 – 17.40   L. da Fonseca:   Plastination – Körperwelten – Körperhandel: Eine Technologie und seine weltweiten Auswirkungen
  • 17.40 – 18.00   peer comment durch H. Dorsch/M. Scholze und Diskussion
  • Abschließende Diskussion:   Moderation B. Nieswand
  • 19 – 20 Uhr   Mitgliederversammlung der AG

Vorträge & Abstracts