Workshop 23 | RG Indigenes Nordamerika
Die Regionalgruppe "Indigenes Nordamerika" trifft sich zum ersten Mal als offizielle Regionalgruppe der DGV. Dabei wird der interdisziplinäre und thematisch offene Ansatz des zuvor informellen Workshops fortgesetzt.
Bei der Vorstellung aktueller Forschungen sollten die Referenten jedoch folgende Schwerpunkte, die im Rahmen des allgemeinen Tagungsthemas stehen, bedenken:
1) Welche Rolle spielt in der ethnologischen Forschung über das indigene Nordamerika die Tatsache, dass die ethnologische Fremdheitserfahrung in Kulturen stattfindet, die sich innerhalb einer euro-amerikanischen Mehrheitsgesellschaft befinden und selbst Teil dieser Gesellschaft sind? Und wie wirkt sich das auf die Forscher aus?
2) Mit welcher Fragestellung gehe ich ins Feld, und wie verändert sich diese vor Ort? Welche Faktoren beeinflussen die Art der Erhebung, z.B. Zugang zu Informationen oder Absprachen mit lokalen Autoritäten zur Genehmigung eines Forschungsthemas? In diesem Zusammenhang steht nach natürlich auch die Frage der "Ergebnisoffenheit" ethnologischer Forschung. In welchem Verhältnis steht diese zum Umgang mit Theorien im Vorfeld oder zur Theoriebildung in der Nachbearbeitung der Untersuchung?
Programm:
- 14:00 Uhr Susanne Jauernig & Markus Lindner: Begrüßung
- 14:10 Uhr Marin Trenk: Der Ethnologe, der Indianer wurde: Frank H. Cushing (1857-1900) und die amerikanische Ethnologie
- 14:40 Uhr Rainer Hatoum: Kulturerbe der Menschheit? – Zeremoniallieder im Spannungsfeld indianischer, institutioneller, nationaler und internationaler Besitzansprüche
- 15:10 Uhr Anne Grob: Interdisziplinäre Forschung am Salish Kootenai College in Montana, USA – Die institutionelle Vergabe von Forschungsgenehmigungen und die Frage nach der Besonderheit indigen geführter Universitäten
- 15:40 Uhr Torsten Diesel: Staatliche Vergabe von Forschungslizenzen und deren Konsequenzen für wissenschaftliche Projekte in Nunavut
- 16:10 Uhr Pause
- 16:25 Uhr Markus Lindner: „Telling our own story“: Reservationstourismus als Mittel kultureller und historischer Selbstbestimmung
- 16:55 Uhr Dirk Steitz: INDIAN GAMING: Chancen und Risiken für die Zukunft der indigenen Gemeinschaften in der US-amerikanischen Gesellschaft
- 17:25 Uhr Juliane Schwarz-Bierschenk: Borderlands of Memory?
Organisation
Susanne Jauernig
Markus Lindner
Datum, Uhrzeit
Mittwoch, 03.10.2007, 14:00-18:00 Uhr
Ort
Melanchthonianum, Hörsaal XXI
Vorträge & Abstracts
Juliane Schwarz-Bierschenk: Borderlands of Memory?
Identität ist ein politisches Artefakt und Repräsentationen davon schaffen soziale Tatsachen. Ich analysiere die Entstehung dreier zeitgenössischer Denkmalprojekte für einen spanischen Eroberer im Südwesten der USA als solche Artefakte im öffentlichen urbanen Raum und interpretiere auf Grundlage dieser Hypothese die Antagonismen zwischen und innerhalb ethnischer Minderheiten, die im Zuge der Erinnerung an die koloniale […]
Dirk Steitz: INDIAN GAMING: Chancen und Risiken für die Zukunft der indigenen Gemeinschaften in der US-amerikanischen Gesellschaft
Seit der Verabschiedung des Indian Gaming Regulatory Act 1988 nehmen Anzahl und Einnahmen stammeseigener Glücksspielbetriebe in den USA stetig zu. Entgegen der anfänglichen Einschätzung, es werde sich dabei nur um ein kurzlebiges Phänomen handeln, das allenfalls einigen wenigen Stämmen zugute kommt, hat sich die indianische Kasino-Industrie zwischenzeitlich etabliert und ist für rund die Hälfte […]
Markus Lindner: „Telling our own story“: Reservationstourismus als Mittel kultureller und historischer Selbstbestimmung
Tourismus auf Indianerreservationen ist keine neue Entwicklung. Besonders im Südwesten der USA haben die Probleme mit Besuchern schon im frühen zwanzigsten Jahrhundert zu Restriktionen für die Reisenden geführt. Dabei war die indigene Bevölkerung allerdings in einer passiven Situation, in der sie nur auf die unerwarteten Touristen, die von angloamerikanischen Reiseunternehmen zur Reservation geführt wurden, […]
Anne Grob: Interdisziplinäre Forschung am Salish Kootenai College in Montana, USA – Die institutionelle Vergabe von Forschungsgenehmigungen und die Frage nach der Besonderheit indigen geführter Universitäten
Die Forschung über indianisch geführte Universitäten in den USA, sogenannte Tribal Colleges, ist ein relativ neues Forschungsgebiet. So verwundert es nicht, dass auch von diesen Universitäten eigens eingerichtete Institutional Review Boards noch keinesfalls die Norm darstellen. Am Beispiel eigener Forschungserfahrungen werden einige Richtlinien und Auswirkungen dieses Vergabesystems für Forschungsgenehmigungen aufgezeigt. Darüber hinaus sollen einige […]
Marin Trenk: Der Ethnologe, der Indianer wurde: Frank H. Cushing (1857-1900) und die amerikanische Ethnologie
Zu seinen Lebzeiten galt Cushing unter Kollegen als das Genie des Bureau of American Ethnology, und die Öffentlichkeit bewunderte ihn als Mischung von indianischem Schamanen und amerikanischem Schliemann. Doch die nach 1900 aufkommende Kulturanthropologie hat ihn sofort gründlich vergessen. In Erinnerung blieb nur der Ethnologe, dessen Identifikation mit der untersuchten Kultur so […]
Rainer Hatoum: Kulturerbe der Menschheit? Zeremoniallieder im Spannungsfeld indianischer, institutioneller, nationaler und internationaler Besitzansprüche
Ethnologischen Museen vom Anliegen her ähnlich, engagiert sich nun auch die UNESCO im Bereich der Bewahrung von “Schätzen” menschlicher Kultur, wenngleich mit der Fokussierung auf deren immaterielle Dimensionen. Auch das Phonogramm-Archiv des Ethnologischen Museums in Berlin ist mit der Eintragung in die UNESCO-Liste “Memory of the World” (1999) von dieser Initiative erfasst worden, dem […]
Torsten Diesel: Staatliche Vergabe von Forschungslizenzen und deren Konsequenzen für wissenschaftliche Projekte in Nunavut
Anhand von Erfahrungen aus mehreren wissenschaftlichen Projekten in der kanadischen Ostarktis möchte ich die Prinzipien des Lizenzvergabesystems für Forschungen in Nunavut erläutern. Dieses ist gekennzeichnet durch eine Reihe von Auflagen des zuständigen Nunavut Reserach Institute, die Forscher jeglicher Disziplinen erfüllen müssen, wenn sie die nötige Forschungsgenehmigung erhalten wollen. Durch diese Praxis ergeben sich die […]