DGV Tagung 2007

Neo-klassische Feldforschung: Mikroskopische Ethnographie als Grundlage ethnologischer Wissensbildung

Workshop 25

Mit dem Begriff der neo-klassischen Feldforschung möchten wir dazu anregen, die besonderen Mö glichkeiten der teilnehmenden Beobachtung für ein spezifisch ethnologisches Forschungsprogramm innerhalb der Sozialwissenschaften erneut zu diskutieren. Grundlage dafür ist die bereits vielfach formulierte, aber unseres Erachtens bislang noch wenig in konkrete ethnologische Forschungsarbeit umgesetzte Forderung, zur Erfassung sozialer Wirklichkeit methodologisch nicht bei Institutionen, Ideengebäuden und Verhaltensmustern anzusetzen, sondern bereits bei den sie konstituierenden konkret beobachtbaren Prozessen sozialer Interaktion. Viele ethnologische Monographien erwecken den Eindruck, dass der Ethnologe lediglich mit seinem Lehnstuhl von der Schreibstube in die Lehmhütte umgezogen ist. Dort lässt er sich dann von Einheimischen deren Kultur und Gesellschaft erklären, um sie - umwoben von eigenen Interpretationen - der wissenschaftlichen Öffentlichkeit als unangreifbaren Textkörper zu präsentieren.

Wir dagegen sehen die Situation der teilnehmenden Beobachtung als Chance, soziale Wirklichkeit als konkrete dialogische Handlung zwischen Menschen zu erfassen. Der technologische Stand heutiger Tonaufnahmegeräte und -analyseverfahren erlaubt es, eine Vielzahl kommunikativer gesellschaftlicher Ereignisse in ihrer Komplexität aufzunehmen und einer detaillierten mikroskopischen Analyse zugänglich zu machen. Wir betrachten Ethnographie somit nicht als Sprechen des Ethnologen mit Informanten über soziale Wirklichkeit, sondern als die Erfassung tatsächlicher, insbesondere auch verbaler, Interaktion zwischen gesellschaftlichen Akteuren. Da Sprechen immer Handlung und Bedeutungsübermittlung zugleich ist, bietet die Aufnahme verbaler Interaktion unseres Erachtens einen privilegierten Zugang zu sozialer Wirklichkeit. Sie erlaubt es, ethnologische Aussagen auf eine solide Datenbasis zu stellen und für die wissenschaftliche Gemeinschaft nachvollziehbar zu machen.

Aus dieser Herangehensweise ergeben sich eine Reihe den Forschungsprozess betreffender Fragen. Wie kann eine am Ereignis und an konkreter Interaktion orientierte Forschungsstrategie im Feld praktisch umgesetzt werden? Welchen epistemologischen Status haben ethnographisch erfassbare Ereignisse? Welche Verfahren bieten sich für die Analyse und Interpretation der aufgenommen Daten an? Wie lassen sich mikroskopische Daten zu makroskopischen Aussagen aggregieren? D.h., wie ließe sich Giddens' Theorem der Strukturierung methodologisch umsetzen?

Wir laden daher zu Beiträgen ein, die:

  • Beispiele für eine Ethnographie von Interaktion und Ereignis liefern;
  • den genannten Ansatz methodologisch (wohlwollend oder kritisch) diskutieren;
  • zeigen, wie der Ansatz produktiv in einem theoretischen Feld der Ethnologie eingesetzt wird (z.B. der Produktion von Macht, der Produktion von Macht, der Bedeutung von Ritualen und Symbolen etc.).

Organisation

Dr. Christian Meyer; Institut für Ethnologie und Afrikastudien; Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Dr. Nikolaus Schareika; Institut für Ethnologie und Afrikastudien; Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Datum, Uhrzeit

Mittwoch, 03.10.2007, 14:00-18:00 Uhr

Ort

Melanchthonianum, Hörsaal XVIII

Programm:

  • 14.15 Uhr - 14.40 Uhr    Christian Meyer & Nikolaus Schareika:    Einleitung: Das Konzept der neo-klassischen Feldforschung
  • 14.40 Uhr - 15.15 Uhr    Thomas Scheffer:    Multi-temporale Ethnographie
  • 15.15 Uhr - 15.50 Uhr    Konrad Hofer:    Der Ethnograph als verdeckter Ermittler
  • 15.50 Uhr - 16.05 Uhr     Kaffeepause
  • 16.05 Uhr - 16.40 Uhr    Felix Girke:    Feld - Forscher: Wer stellt die Fragen?
  • 16.40 Uhr - 17.15 Uhr    Jan Patrick Heiss:    „Die Hirse weigert sich zu sprießen“: Wie lassen sich ethnographische Details fruchtbar machen?
  • 17.15 Uhr - 17.30 Uhr    Georg Klute:    Vom epistemologischen Primat der Anthropologie in den Menschenwissenschaften
  • 17.30 Uhr - 17.45 Uhr    Abschlussdiskussion

Vorträge & Abstracts

  • Jan Patrick Heiss: „Die Hirse weigert sich zu sprießen“: Wie lassen sich ethnographische Details fruchtbar machen?

    Die teilnehmende Beobachtung nimmt für die ethnologische Forschung unter den ethnologischen Methoden eine besondere Stellung ein, denn sie ermöglicht die Konfrontation des Ethnologen mit der sozialen Realität, um die es ihm geht. Diese Handlungen und Interaktionen, an denen der Ethnologe bei seiner Untersuchung teilhat, haben eine hohe innere Komplexität, die sich dem teilnehmenden Beobachter […]

  • Felix Girke: Feld - Forscher: Wer stellt die Fragen?

    Die teilnehmende Beobachtung ist zunächst eine opportunistische Methode. Sie leugnet das privilegierte Ausgangswissen und Erkenntnisinteresse, und suggeriert Offenheit dem Ereignis gegenüber. Dies steht in einem konzeptuellen Widerspruch zur Wissenschaftspraxis, die in allen ihren Mechanismen nach Eindeutigkeit und Fokus verlangt, und die tendenziell ereignisorientierte Ethnographie als anekdotisch abtut. Die Herausforderung für eine Ethnographie von Interaktion […]

  • Konrad Hofer: Der Ethnograph als verdeckter Ermittler

    Die teilnehmende Beobachtung wird zurecht als „Königsdisziplin” qualitativer Forschungsmethoden bezeichnet.

    Gerade in einer Forschung in der eigenen Gesellschaft kann dabei die verdeckte von der offenen teilnehmenden Beobachtung unterschieden werden:

    1. Verdeckte teilnehmende Beobachtung
    Die verdeckte teilnehmende Beobachtung hat den großen […]

  • Thomas Scheffer: Multi-temporale Ethnographie

    Ein wesentlicher Antrieb analytischer Ethnographie ist die Frage nach dem „Wo” und „Wie Weit” des Feldes. Dieser Suche nach dem „where the action is?” kommt eine zentrale Rolle zur Eröffnung und Erschließung eines kulturellen/praxeologischen Feldes zu. Sie entspricht den räumlichen Suchbewegungen, den Kontaktanbahnungen mit Einheimischen, der phasenweisen Beheimatung der Ethnographin im Feld. Sie findet […]